Aufsatz 
Das Zunftwesen in Bingen
Entstehung
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gasse gewohnt zu haben. Wenigstens besagt eine Verordnung des Stadtrats von 1655:Es sollen die Bender in der Salzgassen vor ihren Häusern keine Faß brennen, sondern solches an dem Rhein thun. Es leuchtet ein, daß wir in diesen Straßen die alten Quartiere der einzelnen Gewerke zu sehen haben. Warum siedelten nun die Vertreter desselben Handwerks ehemals so zusammen, daß darnach ganze Straßen benannt werden konnten? Für manche Gewerke ergab sich dies aus einer rein wirt- schaftlichen Notwendigkeit; ihre Vertreter waren mit ihrem Arbeitsgebiet an gewisse lokale Bedingungen geknüpft. Der sprichwörtlich gewordene Lohgerber,dem die Felle wegge- schwommen sind, belehrt uns schon, daß die Gerber für ihr Handwerk das fließende Wasser brauchten. Darum lagen in unsrem Fall die Gerbhäuser an der Nahe. Das wird bestätigt durch eine Nachricht aus dem Jahre 1708 des Inhalts, daßein gewisser Benedikt Pennrich 1 Gulden 7 albus zahlt von seinem Lohhaus d. h. Gerbhaus an der Nahel. Damit erklärt sich auch die Lage der Gerbhausstraße an der unteren Nahe. In denselben Zu- sammenhang gehört auch die Loergasse; sie ist nichts anders als die Löher, d. h. Lohgerbergasse und führt jetzt noch auf die Gerbhausstraße. Nicht anders verhält es sich mit der Beucher, d. i. Färbergasse, die ebenfalls nach der Nahe führt, weil auch die Färber das fließende Wasser nah haben mußten. In der Scharngasse wohnten die Metzger oder hatten wenigstens ihre Verkaufsstände dort; denn Scharn oder Schirn bedeutet die Ver- kaufshalle für das geschlachtete Fleisch, und es ist wohl kein Zufall, daß sich bis heute in der genannten Straße die sog. Freibank befindet. Eine ähnliche Einrichtung war ohne Zweifel die in der Anmerkg. genannteHerrgottscharen. Es wurdevff der rechten seiten, bey der thuren, so man in die Scharen ghedt, der Erst Dil, die Hergotsschar genante. Hier wurde wohl gering- wertiges Fleisch zu niedrigerem Preis oder gar umGottes Lohn an die ärmere Bevölkerung abgegeben. Die Almosen-Tücher, die verteilt wurden, werden auch Gotts-Tücher genannt. Ein andrer Grund, warum die Vertreter desselben Handwerks zu- sammensiedelten, mochte der sein, daß sich ihnen auf diese Weise leichter die Möglichkeit bot, sich nachbarlich mit Handreichungen auszuhelfen, was in den allgemein kleineren Betrieben und bei dem Mangel an Maschinen nicht zu unterschätzen sein dürfte; dieser Umstand mag z. B. gerade für die Metzger in Frage ge- kommen sein. Mit ein Hauptgrund für die genannte Siedelungs- art liegt aber zweifellos auch in der mittelalterlichen Organisation des gesamten Handwerks in Zünften. Diese sind ja im letzten Grund auch aus dem Bestreben hervorgewachsen, die freundnach- barliche Unterstützung der Vertreter desselben Handwerks unter- einander zu organisieren. Diese Unterstützung bleibt dann, man darf sagen: infolge dieser Organisation, nicht auf die angedeuteten Handreichungen im Betrieb selbst beschränkt, sondern umfaßt später das ganze wirtschaftliche und soziale Leben der Zunft- genossen auch nach der geselligen und religiösen Seite, während die ursprüngliche Grundlage eine rein wirtschaftliche war. Diese in den besten Zeiten streng durchgeführte Organisation eines so großen Teils der Bürgerschaft machte sich dann auch der Rat

1. W. R. Nr. 767. 2. Binger Ratsprotokoll 1. März 1571.(R. Prot).