Aufsatz 
[Zur griechischen Grammatik] : über genike und dotike ptosis / [Georg] Blackert
Entstehung
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liegt); und etwas anderes bezeichnet der griechiſche Genitiv auch nicht. Er iſt auf demſelben Boden der Natürlichkeit gewachſen, dem auch der Indicativ ſeine Entſtehung verdankt.

Es iſt nicht nöthig zu beweiſen, daß das Wort 7evos nicht immer eine Verbindung durch Geburt bezeichne; es mögen nur, ſtatt aller Andern, B. G. Niebuhr's Worte hier einen Plaß finden:Reden wir zuerſt von demjenigen Volke, wo die Nachrichten klarer ſind, den Griechen. Ihre Teyn ſind Aſſociationen die ungeachtet des gemeinſchaftlichen Namens nicht als Familien, von denſelben Vorfahren abſtammend zu betrachten ſind, ſondern als die Nachkommen derjenigen Perſonen, die bei Gründung des Staates zu einer ſolchen Corporation verbunden wurden. Das ſteht ausdrücklich bei Pollur unſtreitig aus Ariſtoteles worin es heißt, daß die Genneten von deneyn genannt waren, daß ſie nicht durch Abkunft(Teνer iεν od oοιαονεε) ſondern durch gemeinſchaftliche iegèe verbunden waren. Dann haben wir auch das Zeugniß des Harpokration über die Homeriden in Chios; er ſagt, ſie ſeien ein Genos zu Chios, das aber nach der Meinung der Kundigen in gar keiner Verwandtſchaft mit Homer ſtehe. Mit dieſen 7eyn iſt es wie mit den arabiſchen Stämmen, die Beni Tai ſind zehntauſend Familien die nicht alle von Edid Tai her⸗ ſtammen können; wie mit den Clans der Hochländer, die ſich nach Einzelnen nannten und nur im poetiſchen Sinne als deren Verwandte und Nachkommen bezeichneten: im Hochlande waren fünftauſend waffenfähige Campbells, die den Herzog von Argyle für ihren Vetter anſahen. Nie⸗ buhr in den Vorträgen uͤber Röm. Geſch. I, 161.; hierhin gehört auch S. 121.

Aus der Mythologie und Heroengeſchichte der Griechen leuchtet der Sinn, welchen die Ab⸗ ſtammung, das 7evos hat, hell hervor: bei allen Völkern und zu allen Zeiten wird aus der Ab⸗ ſtammung auf natürliche Gemeinſchaft, auf innere Ahnlichkeit, auf Weſens⸗Ahnlichkeit und Gleich⸗ heit geſchloſſen. Auch wenn moderne antiariſtokratiſche Behauptungen der alten auf Abſtammung aus reinem Geblüte gegründeten Anſicht von adeliger und edler Geſinnung entgegentreten, und alles Große und Edle nur der Erziehung und Bildung, nicht der Geburt oder dem Angeborenſein zu⸗ theilen möchten, ſo iſt doch jene alte Meinung, daß Geburt Ähnlichkeit begründe, noch heut zu Tage in allen Ständen lebendig, wenn es z. B. heißt: Er iſt ehrlicher Leute Kind. Die Genea⸗ logieen in den Götter⸗ und Heldenſagen der Griechen haben in der Hauptſache denſelben oben an⸗ gegebenen Sinn; ſo daß es in der Hauptſache auf Eins hinauskommt, wenn darin daſſelbe Weſen als das ein anderes hervorbringende, oder als das von demſelben hervorgebrachte dargeſtellt wird; was ja bekanntlich in der griechiſchen Mythologie nicht ſelten der Fall iſt.