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Er wählt von beiden Uebeln natürlich das kleinere. Skylla wohnt, wie ihm schon Kirke 6 73 ff. mitgetheilt, in einer Höhle am Abhang eines himmelanstrebenden Berges; ein bellendes Scheusal mit zwölf Füssen, sechs langen Hälsen und ebensoviel Köpfen darauf, deren jeder mit drei Reihen Zähnen bewehrt ist, fischt sie sich ihre Nahrung aus dem Meere auf, und noch nie ist es einem Segler ge- lungen, ganz schadlos da vorbeizukommen. Odysseus befiehlt dem Steuermann, nah an dem Felsen, in dem das unsterbliche Ungethüm hauset, vorbeizufahren, und während die Gefährten, Ruderer und Unbeschäftigte, angstvoll nach dem Charybdisstrudel hinblicken, packt Skylla 6 derselben, dass sie zappelnd aufschreien. Aber Rettung ist unmöglich und Odysseus mag noch froh sein, nicht mehr verloren zu haben. Nun gelangen sie nach Thrinakia, tödten gegen Teiresias' und Kirke's Mahnung, während Odysseus schläft, Rinder aus der Heerde des Helios, und in dem in Folge davon auf Helios' Antrag von Zeus gesandten Sturm gehen Alle ausser Odysseus zu Grunde. Dieser, vom Südwind wieder der Charybdis zugetrieben, jenem Ungethüm, das neben dem der Skylla gegenüberliegenden niedrigeren Felsen dreimal des Tags die dunkle Meerfluth einschlürft und wieder zurückgibt, schwingt sich im entscheidenden Augenblick von seinem Wrack auf einen überhängenden wilden Feigenbaum; springt dann, wie das Wrack wieder ausgespieen wird, auf dieses herab und gelangt so nach weiterer neuntägiger Fahrt zur Insel der Kalypso.— Märchenhaft ist zunächst die nicht blos höchst hässliche, sondern so in der ganzen Natur nicht ihr Ebenbild findende Gestalt der Skylla, bei der ich be- sonders auf die widernatürlichen 3 Zahnreihen aufmerksam mache, und ihre ganz unfassbare Ge- wandtheit im Erhaschen ihres Raubes, da doch ihre Höhle sich mitten(¼½ 80) in dem so hohen(u 73) Felsen befindet und sie selbst zur Hälfte(à 93) in der Höhle drinnen steckt. Auch dass dieses jeden- falls riesige Wesen wie ein junges Hündlein bellt, ist mindestens ebenso auffallend, wie wenn wir im gewöhnlichen Leben einen kolossalen Menschen in den höchsten Tenortönen reden hören. Die Skyllagestalt scheint mir so recht ein Produkt überspannter und auf Formschönheit wenig Rücksicht nehmender Schifferphantasie zu sein, wofür noch ferner spricht, dass die wenigen Anklänge an diese Episode sich auf griechischen Inseln gefunden haben. Die Schwammfischer von dem Riffe Sgoürapha bei Samothrake erzählen sich, wie Schmidt nach Conze*) berichtet, eine ganz ähnliche Geschichte, und wenn in dem zakynthischen Märchen„Die Herrin über Erde und Meer“ ²) der Held an einer Insel landet und auf dieser aus einer Höhlung drei Häupter hervorblicken sieht„mit feuersprühenden Augen und Mäulern, die Flammen aushauchten, dass einem schauderte“, so ist es fast unmögxlich, nicht an die Skylla zu denken.— Bei der Charypdis ist zunächst auffallend, dass man gar Nichts von ihr sieht; ungeheuer muss ihre Kraft, unvergleichlich ihr Athem sein, da sie Tag für Tag dreimal die Meerfluth einsaugt und wieder ausspeit. Dass sie ein personificirter Meeresstrudel sei, ist kaum anfechtbar, und so mag denn Skylla wohl für die Personifikation irgend eines Felsengrausens, tod- bringender Klippen sein. Die einzige Parallelstelle für die Charybdis, die ich aufzufinden vermochte, findet sich in den Märchenströmen des Somadeva*); die Uebereinstimmung ist aber eine beinahe voll- kommene. Der Brahmane Saktideva bemerkt, als er mit dem Fischerkönig Satyavrata auf dem Meere ist, einen, wie ihm vorkommt, geffüigelten Berg.„Das ist ein Feigenbaum“, belehrt ihn Satyavrata, „unter welchem, wie man allgemein sagt, ein Strudel, der in einen unterirdischen Feuerpfuhl hinab- zieht, sich befindet“. Unterdessen treibt schon ein starker Wind das Schiff nach der gefährlichen Gegend hin; der edle Satyavrata räth dem Brahmanen, nach einem über dem Strudel befindlichen Feigenbaum zu springen; und während er selbst mit seinem Schiff in die Tiefe sinkt, rettet sich Jener in der That.— Wie diese Uebereinstimmung zu erklären sei, vermag bis heute Niemand zu sagen.
¹) Reise auf den Inseln des thrakischen Meeres. S. 48. Von B. Schmidt, Gr. M. S. 27 angeführt. ²) B. Schmidt, Gr. M. Nr. 7; bes. S. 81. ²) Ed. Brockhaus S. 148 und 149 der Uebersetzung. Vergl. S. 26 unter: Phäaken.


