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XIV. Die Rinder des Helios.
Odysseus ist auf Thrinakia gelandet und hat, von Teiresias(⁷ 110 ff.) und Kirke( 137 ff.) gewarnt, den Gefährten den Eid abgenommen, sich an keinem der Rinder des Sonnengottes zu ver- greifen, die dort in sieben Heerden, 50 Thiere in jeder, gehütet von den Nymphen Phaöëtusa und Lampetie, weiden. Aber einen Monat lang weht widriger Wind; die Vorräthe gehen auf die Neige, und wie einst Odysseus allein in die Insel hineingegangen und von den Göttern in Schlaf versenkt ist, vergessen die Thörichten ihr Versprechen und schlachten einige Rinder. Sofort macht sie ein Götterwunder auf das Grauenvolle ihrer That aufmerksam. Die abgezogenen Häute krabbeln umher, die an den Bratspiessen steckenden Fleischstücke beginnen zu brüllen. Nun vermag auch Odysseus nicht mehr zu helfen, um so mehr, da Lampetie unterdessen schon die Gräuelthat bei Helios zur Anzeige gebracht hat, der selbst nichts Eiligeres zu thun weiss, als dem Göttervater mit Arbeits- einstellung zu drohen, wenn er nicht energisch dreinfahre; und so erregt Zeus, wie die Seefahrer kaum wieder auf dem Meere sind, einen Sturm, in dem Alle ausser Odysseus selbst zu Grunde gehen. Das einzig Märchenhafte in dieser Episode ist das Wunder mit dem Fleisch und den abgezogenen Häuten, für das ich eine ganz entsprechende Parallele nirgends gefunden habe. Dass abgetrennte Körpertheile noch reden können, kommt zwar hie und da im Märchen vor, stets aber im Zusammen- hang mit irgend einer dämonischen Macht, wie denn im zakynthischen Märchen„Der Teufel und des Fischers Töchter“(Schmidt, Gr. M. Nr. 24) der Fürst der Unterwelt seine Frau mit einem redenden Menschenfuss und in gleicher Weise im dänischen Märchen„Wolf Königssohn“(Grundtvig-Leo S. 252 ff.) die Hexe das Königstöchterlein mit einem redenden Kalbsfuss auf die Probe stellt.— Dass hinter den 350 Rindern des Helios übrigens mythologisch nichts Anderes steckt als die 350 Tage des „primitiven Jahres“ in Griechenland, dürfen wir M. Müller¹) um so eher glauben, als Homer selbst, dem die ursprüngliche Anschauung nicht mehr klar war, ausdrücklich beifügt, dass die Zahl dieser Rinder nie zu- noch abnahm, dass dieselben also, natürlich betrachtet, höchst unnatürliche Rinder gewesen sind. ²)
Mit den Rindern des Helios nehmen wir von den märchenhaften Bestandtheilen der homerischen Gedichte Abschied; denn was uns der Dichter vom Autolykos berichtet(K 267; z 394 ff.), ist weniger märchen- als anekdotenhaft, und die Nekyia(7), deren Besprechung vielleicht vermisst wurde, spielt so sehr in das Religiöse hinein, enthält auch thatsächlich keine ausgeprägt märchen- haften Züge, dass ihre Behandlung hier zu unterbleiben hatte. Unsere Betrachtungen haben uns zu- nächst zu dem Resultat geführt, dass die homerischen Gedichte, Ilias und Odyssee, eine nicht unbe- trächtliche Menge märchenhafter Stoffe enthalten, die mit geringen Abänderungen nicht blos bei nahestehenden Völkern, sondern weit über den Complex der von der indogermanischen Race besetzten Länderstrecken hinaus wiederkehren. Es entsteht nun die Frage: in welchem Verhältniss steht die homerische Version zu den anderweitigen? Ist sie ein original griechisches Erzeugniss und sind die anderen davon abgeleitet? Oder denken wir uns jede selbständig gewachsen? Oder ist endlich die homerische Version und alle andern zusammen ein Nachklang einer in der gemeinschaftlichen Ur- heimat angeschlagenen Sagenmelodie? Die aufmerksame Betrachtung von Sagen- und Märchenstoffen legt die Ueberzeugung nahe, dass im Sinnen und Weben der Völker Einflüsse wirken können, die
¹) Essays II 147. Müller macht zugleich darauf aufmerksam, dass die Darstellung der Tage als der Heerde der Sonne im Altindischen ausserordentlich häufig vorkomme. ²)„ 130, 131.


