Aufsatz 
Die märchenhaften Bestandtheile der homerischen Gedichte / Bender
Entstehung
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sich der äusseren Beurtheilung ganz entziehen, und dass schablonenmässige Behandlung cultureller Erscheinungen, besonders wo es sich um ganze Reihen von Völkern handelt, zu keinem abschliessenden und genau zutreffenden Resultate führen. So, glaube ich, muss man auch hier davon absehen, diese Stoffe in Eine Kategorie stellen zu wollen; dann gelingt es uns vielleicht, denselben ihre Stellung theilweise wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit zuzuweisen. Eine Quelle, aus der den homerischen Gedichten ihre Nahrung auf diesem Gebiete zugeflossen, ist, mit Ausnahme des wahrscheinlichen Ur- sprungs der Bellerophontessage, nicht aufzufinden; umgekehrt zeigen einzelne von mir mitgetheilte neuere Versionen der Märchenstoffe(bes. neugriechische) so sehr die Züge der Mutter, dass an der direkten Abstammung aus Homer nicht zu zweifeln ist; auch die mongolische Version halte ich nach den im Einzelnen gegebenen Vergleichen für ein homerisches Derivatum. Zweitens findet sich eine Gruppe von Märchenstoffen, die ihren Ursprung naiver Naturbetrachtung verdanken und die ich des- halb, weil sie, die Naturbedingungen vorausgesetzt, überall entstehen können, für den einzelnen Völkern ursprünglich angehörige halte; hierher gehören in unserem Kreis die schwimmende Insel des Aeolos; die Plankten; die Charybdis; in gewissem Sinne auch die redenden Rosse. Drittens wandern Märchen- stoffe aus der gemeinsamen Urheimat verschiedener Völker mit aus, verändern sich je nach dem Charakter des einzelnen Stammes und des Terrains, das er besetzt, lassen aber im Hintergrunde doch noch ihren Ursprung erkennen; hierher mögen die Riesen- und Zwergerzählungen, die Berichte von Zauberern und Zauberinnen gehören, wie wir solche hier ja auch in bunter Reihe kennen gelernt haben. Einzelne auf völlige Genauigkeit Anspruch machende Gesammtnachweisungen zu geben, scheint mir aber bei dem jetzigen Stand der Frage noch nicht möglich.

Betrachten wir nun das Verhältniss der Vertheilung dieser Märchenstoffe auf Ilias und Odysee, so muss es uns zunächst auffallen, dass ihnen in dem grossen Kriegsepos nur ein paar Zeilen gegönnt sind, während die Robinsonade des Alterthums damit wahrhaft gespickt ist. Also ein neuer Unter- schied zu den vielen übrigen, die man an beiden Gedichten entdeckt hat! Aber auch ein ganz natürlicher. Denn was kann eine Polyphemsgeschichte für eine Wirkung thun, wenn ringsum Waffen tosen und Alles zu einer Entscheidung drängt, die nicht etwa für Einen Helden, sondern für ganze Völker von unberechenbarer Wichtigkeit ist? Aber bei einem leckeren Mahl hört sich eine solche Geschichte vortrefflich an. Es scheint mir voreilig, aus dem Gesagten belangreiche Schlüsse auf die Person des homerischen Dichters oder der homerischen Dichter ziehen zu wollen; das aber wird man nach unseren Betrachtungen zugeben müssen, dass die homerischen Gedichte auch nach der hier behandelten Seite hin einen ganzen Schatz von Volksanschauungen enthalten, wie sie ja auch sonst immer und immer das echteste Muster bester Volkspoesie sein werden.

Märchenkenner werden nun noch manche vergleichende Züge beizubringen, Mythologen die hier nur schüchtern angedeuteten Grundlagen klar darzulegen verstehen. Auf jene noch weiter ein- zugehen verhinderten den Verfasser Mangel an Raum und Materialien, auf diese das Bewusstsein, dass es besser sei, auf einem schwierigen und schlüpfrigen Gebiete Nichts als etwas Unhaltbares zu sagen. Steht so die Arbeit als eine, wie er selbst nur zu gut erkennt, noch unvollständige, mancher Besserung bedürftige da, so hofft er doch in nicht allzu ferner Zeit zu diesem Präludium auch die Fuge zu finden.