32 menschliches Wissen und reden den Odysseus gleich beim Namen an. So erscheinen denn diese „Musen der See,“ wie Preller sie nennt, so recht als Abbild der verlockenden glatten Meeresfläche, unter der in Gestalt von Klippe oder Sandbänken der Tod droht; und wir brauchen nicht lange zu suchen, um in unserm Volksaberglauben ganz dieselben Wesen— man denke nur an die Loreley und andere Nixen— in Masse wiederzufinden.
XII. Die Plankten.
Od. ⁴ 55— 73. Nachdem Kirke dem Odysseus angegeben, wie er sich den Sirenen gegenüber zu verhalten habe, fährt sie fort: Nun werde ich dir nicht genau sagen, welchen von beiden Wegen du dir wählen sollst, das musst du selbst überlegen; von Beiden aber will ich dir erzählen. Da sind nämlich überhangende(&r οεσεεε) Felsen, von Meereswogen umrauscht; Plankten nennen sie die seligen Götter. Selbst Geflügel kommt dort nicht durch, auch die Tauben nicht alle, die dem Vater Zeus Ambrosia bringen, und kein Schiff ist ihnen entgangen ausser der rat εᷣoναα Argo; und auch die wäre zerschellt, hätte nicht Hera sie aus Liebe zu Jason hindurchgerettet.„Die zwei Felsen aber“ u. S. w. Es ist klar, Kirke will dem Odysseus sagen: entweder geht deine Fahrt zwischen den Plankten hindurch und dann hast du keine Hoffnung, dich und dein Schiff zu retten; oder du nimmst den Weg zwischen den doc( αeοστεα⁴οο, der Skylla und Charybdis. Odysseus ist gescheit genug, um aus diesen Worten zu entnehmen, was er zu thun hat; er vermeidet die Plankten und nimmt den zwar ebenfalls gefährlichen, aber doch nicht für Alle unbedingt todbringenden Curs an der Skylla vorbei. Folgerichtig ist daher auch von den Plankten nicht weiter die Rede und die diesbezügliche Ausführung Krichenbauer’s ¹), der in dem einen hohen Felsen den Pik von Tenerifa erkennen will, zurückzuweisen; ebenso die gekünstelte Erklärung Kammer's*),„der sich nicht überzeugen kann, dass durch ενϑεν νμν αο νιντοα und of de υ στσνπνπαοο die beiden verschiedenen Wege sollten bezeichnet sein“. Wenn man die Verse ohne vorgefasste Meinung liest, wird man nicht umhin können, trotz Kammer das durch ε-ε Auseinandergehaltene auch wirklich als Solches zu betrachten; die Verse 201 ff. erklären sich ganz natürlich, wenn man sie auf den Charybdisstrudel bezieht, und alles Weitere ist dann in Ordnung.
Märchenhaft ist bei den hier genannten Felsen ihr An- und Auseinanderprallen, ihre Be- wegung, ihr Leben. Der Gedanke an derartige bewegliche Massen kann nur einem Meer- oder Fluss- bewohner kommen. Wer je einmal an dem Ufer eines grösseren Sees oder des Meers gestanden und mit einer gewissen Fixirung des Blickes das von den Wellen in bestimmter Weise immer und immer wieder geschlagene Gestade oder noch mehr im Wasser ruhende, nur wenig aus der Fläche empor- ragende Felsblöcke betrachtet hat, der hat nach kurzer Zeit die optische Tauschung durchgemacht, das Ufer, den umwogten Felsen für in Bewegung befindlich angesehen zu haben. Und zwar erscheint diese Bewegung je nach der Wellenrichtung als eine vertikale oder horizontale. Diese Beobachtung, zu der es weiter keines Wissens, keiner Reflexion bedarf, die eine in Wahrheit natürliche ist, mag dann auch die Veranlassung zu der häufig wiederkehrenden sagenhaften Auffassung gewesen sein, wie wir sie hier wiederfinden. Oder wie sollten wir uns anders ihre Verbreitung vom Cooksarchipel bis zu den Küsten Grönlands erklären können? Es ist undenkbar, dass ein an sich eigentlich so unbe- deutender Stoff, sei es von einem Centrum, sei es von einem Endpunkte der Peripherie aus über die halbe Erdkugel gewandert sei. Dort ⁴) zwischen Tonga- und Gesellschaftsinseln wissen sich die Ein-
¹) Krichenbauer, Die Irrfahrt des Odysseus als eine Umschiffung Afrika's erklärt. Berlin. Calvary. 1877. S. 71 fl.
²) Kammer, Die Einheit der Odyssee. Leipzig. 1873. S. 540, ff.
³) F. Liebrecht in dem Art. über Wyatt Gill, Myths and Songs from the South Pacific. London. 1876.(Gött. gel. Anz. 1876. S. 478.)


