Aufsatz 
Die märchenhaften Bestandtheile der homerischen Gedichte / Bender
Entstehung
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setzen durften. Was endlich die so feine, wahrhaft glücklich erfundene Wendung mit demNiemand betrifft, die genau so nirgends, in selbständiger Mutation nur in einer ehstnischen Sage vorkommt ¹), so fragt es sich noch sehr, ob eine derartige lügenhafte Ausflucht dem tatarischen Helden als ehrenwerth und erlaubt gegolten hat und nicht vielleicht deshalb weggelassen worden ist. Genug, ich halte an der Auffassung fest, dass durch die von Grimm angeführten Gründe die Möglichkeit einer Uebertragung aus griechischen Kreisen noch nicht zurückgewiesen sei; um so mehr, als wiederum in der verwandten mongolischen Sage(Jülg, a. a. O. S. 63 und 64) homerische Züge in's Mongolische übersetzt genugsam vorkommen. Der Riese hat dort Gessers Gemahlin, Tümen Dschirgalang, in seine Burg eingeschlossen, an deren Pforte kalbgrosse Spinnen wachen. Auch er ist Menschenfresser; auch er schleudert Felsstücke und Pfeiler von der Grösse eines Kameels. Wie Odysseus die Widder als Retter benutzt, versteckt sich Gesser in einer Grube; Odysseus blendet den Ricsen, Gesser geht noch einen Schritt weiter und tödtet ihn. Selbst in Lappland begegnet uns Polyphem.*) Hier leistet der schlaue Askovis dem plumpen Stallo Gesellschaft. Ersterer stellt sich, als ob er die ent- ferntesten Gegenstände sehe und fragt seinen dummen Kumpan:Siehst Du denn nicht die wunder- lichen Thiere, die dort jenseits der Wolken wandeln? u. s. w. Da Stallo Nichts sieht, aber doch sehen möchte, eröffnet ihm Askovis nach langem Hin- und Herreden, dass er diese besondere Seh- fähigkeit nur durch eine schmerzhafte Kur erlangen könne: wenn er sich nämlich flüssiges Blei auf die Augen giessen lasse.*) Stallo ist nun einmal darauf erpicht, ein gutes Gesicht zu haben, und unterzieht sich jammernd der Procedur. Wie aber nach einiger Zeit seine Augen dunkel bleiben, wittert er Unrath und beschliesst demgemäss den Askovis zu hängen. Stellt sich also am nächsten Morgen in die Thür und lässt seine Schafe nacheinander zwischen den Beinen durchpassiren. Askovis hat unterdessen rasch Stallo's besten Hammel geschlachtet, sich in dessen Fell gesteckt und kommt so glücklich hinaus. Stallo, der Nichts ahnt, ruft ihm:Nun, mein Sohn, komme jetzt auch heraus, worauf Askovis:Mein lieber Grossvater, ich bin bereits draussen. Darauf nimmt er von des Riesen Eigenthum, so viel er kann, und geht über alle Berge. Auch in einzelnen Zügen pflanzt sich die Erinnerung an unseren Kyklopen weiter. So in dem zakynthischen MärchenDer Riese vom Berge (Schmidt, Gr. M. S. 98 ff.), wo dieser, die ihm entflohene Prinzessin zu erreichen, einen goldnen Kasten verfertigen und sich darin von dem Goldarbeiter zu der Entflohenen tragen lässt.Als sie nun am Abend ihr Gebet davor verrichtete, da hörte sie auf einmal zicki zicki und sah den Kasten sich öffnen. Da merkte sie, dass der Riese darin war, und schrie laut auf, da kamen Soldaten herbei- geeilt, und nachdem sie erfahren, wer in dem Kasten stecke, bohrten sie durch das Loch einen glühend gemachten Bratspiess und stiessen damit dem Riesen das Auge aus. Der dänischeWald- mensch(Grundtvig-Leo S. 228 ff.)*) besitzt ebenfalls nur Ein Auge mitten auf der Stirn und erscheint so als Bruder der Riesin, zu der die drei Königstöchter im ungarischen Märchen(Stier Nr. 5) gelangen,) während die Phantasie der Kyprier sogar von einem menschenfressenden Dreiauge) zu

¹) Dort blendet ein Knecht den Teufel, nachdem er selbst vorher seinen Namen mit Issi(Selbst) angegeben hat. Wüthend vor Schmerz springt der Teufel davon und antwortet Allen, die ihn fragen:»Issi teggi«, Selbst that's. (Ueber die Form teggi s. Wiedemann, Gramm. d. ehstn. Spr. 1875. S. 470.) Grimm führt dort noch weiter an eine Erzählung aus Vorarlberg, ein mürkisches und ein hessisches Märchen. Wie derartige Antworten zu Namen werden können, zeigt das russ. Volksm. vom Ritter Iwan(Dietrich Nr. 4) und am Ende schon Hebel's Kannitverstan.

²) Heinzelmann, Die Weltkunde. Erster Band. Dänemark, Norwegen und Schweden. 1847. S. 355.

³) Ganz so wie in der ehstnischen Version, bei Grimm S. 16, 17.

¹) Vgl. auch das deutsche M. vom Waldmenschen in der Sammlung der Brüder Grimm.

) Sie hat ein Auge wie einen Teller auf der Stirn. Das bedeutet nur die Grösse, wie ja auch das rus- sische Märchen von Augen wie Theetassen und von Köpfen wie Bierkessel spricht. Vgl. auch Andersen's Märchen »Das Feuerzeug.

6) Liebrecht in Ebert, Jahrb. f. roman. Lit. 1870. S. 345 354(Uebers. aus Athanasios Sasellarios Kunçdand B. III. Athen 1868).