29 diese beiden letzten Stellen als einen Widerspruch enthaltende hingewiesen hat ¹), ist, wie natürlich, ebenfalls der Ansicht, dass der homerische Dichter in seiner Lust zu fabuliren möglichst viele Aben- teuer, möglichst viele Märchenstoffe in sein Gedicht hineinverwoben habe; dabei gibt ihm die Er- wähnung von Poseidon's Zorn zu folgender Reflexion Anlass(S. 187):„Der Dichter des Alterthums, bei welchem das Moment der Anschauung mehr entwickelt ist als das des Gedankens, hat zwar auf die vermuthlich ältere(2) Sage vom Zorne des Poseidon darüber, dass Odysseus dem Kyklopen sein einziges Auge geblendet, hingedeutet: der zürnende Gott wird gleich im ersten Buche erwähnt; er zeigt sich wieder im 5., wo er die Flösse des Odysseus zertrümmert; im 9., wo der Besuch bei dem Kyklopen erzählt wird, hört man, wie dieser seinen Vater um Rache anfleht, und im 11. Buch ge- bietet Teiresias dem Odysseus, wenn er in seine Heimat gelangt sein und Ruhe in sein Haus gebracht haben werde, solle er weit in's Land hineinziehen und dort, wo niemand das salzige Meer geschaut, dem Gott des Meeres ein Sühnopfer bringen. Dieser Gedanke ist aber nicht vollständig durchgeführt; bei den andern Drangsalen, die den Odysseus treffen, wird bald Zeus, bald Apollon, bald gar kein Gott als Urheber genannt.“ Im Hinblick auf die zahlreichen Parallelerzählungen möchte ich viel eher vermuthen, dass die Polyphemsage» 105— 521 ein Ganzes für sich gewesen sei und dass der zusammenreihende Dichter, um einen guten Erklärungsgrund für die letzten Leiden des Odysseus auf dem Meer zu haben, den Riesen, der in seinem ganzen Haushalt uns übrigens gar nicht an das Meer erinnert, gelegentlich zum Sohne Poseidon's macht und uns dann stets, wo es ihm nöthig erscheint, daran erinnert. Jedenfalls aber ist, wie schon W. Grimm ²) klar dargelegt hat, die Polyphemepisode in mancher Bezichung von den übrigen Theilen der Odyssee verschieden, und es mag als besonders auffallend hier wiederholt werden, dass der sonst so bedächtige Odysseus bei dem Eintritt in die Höhle des Kyklopen ganz aus seiner Rolle fällt und trotz der Warnung der hier einmal bedächtigeren Genossen in die Falle geht ²), aus der er sich freilich listig genug wieder zu befreien weiss. Grimm ist zugleich der Erste meines Wissens, der die griechische Polyphemsage mit entsprechenden Ueber- lieferungen anderer Völker in gründlichen Vergleich gezogen hat. Er bietet 10 Versionen der Sage: 1) die griechische; 2) eine in dem versificirten Werke: Li romans de Dolopathos enthaltene; 3) eine oghuzische; 4) eine aus der 3. Reise Sindbad's; 5) eine serbische(bei W. St. Karadschitsch Nr. 38); 6) eine rumänische(s. Ausland 29, 717); 7) eine ehstnische(Rosenplänter, Beiträge zur gen. Kenntn. d. ehstn. Spr. II, 6.§. 61— 63); 8) eine finnische; 9) eine karelische und 10) eine deutsche aus dem Harz. Bei der gründlichen und bedächtigen Art des berühmten Gelehrten mag es überflüssig erscheinen, hier noch etwas über die angeführten Parallelen beibringen zu wollen, da im Grunde Jeder seiner Ansicht sein wird, dass die einzelnen Darstellungen jede als selbständig betrachtet
werden müssen, wenn sie auch eine ursprüngliche, allen gemeinsame Quelle ahnen— aber auch nur ahnen— lassen. Am Meisten interessirt ihn die oghuzische Fassung, von der er gegen
Diez mit Recht behauptet, dass Homer sie auf seinen Reisen nicht habe kennen lernen können. Ebenso wenig will aber Grimm von einer Uebertragung der griechischen Sage auf andere Völker wissen, und hier scheinen mir seine Zweifel nicht immer vollberechtigt zu sein. Wenn er z. B. fragt, wie es komme, dass die tatarische Sage die Befreiung des Gefangenen aus der Höhle vollständiger erzähle als Homer, so kann man darauf antworten: weil der hellenische Dichter ungleich massvoller ist und das Hauptbild nicht durch unendliche Zieraten unkenntlich machen will. Und: warum sich die schöne Berauschungsscene nicht bei den Oghuziern erhalten habe? Weil, antworte ich, es sehr wahrscheinlich ist, dass die Oghuzier in alter Zeit den Wein nicht gekannt haben, dagegen bei dem als unter ihnen weilend geschilderten Riesen Depé Ghöz Art und Wirkung ihres Khumys wohl als bekannt voraus-
¹) Nutzhorn, Die Entstehungsweise der homerischen Gedichte. Leipzig. 1869. S. 113. ²) W. Grimm, Die Sage von Polyphem. Abh. d. Königl. Akad. d. W. zu Berlin. 1857. Philol.-hist. Abth. S. 1— 30. ³) Vgl. Od.* 437.


