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menschlichem Ohr verständlichen Rathgebern zu machen? Auch die esthnische doch sehr in's Märchen- hafte spielende Sage von Kalewipoeg bietet ein merkwürdiges Beispiel von einem redenden und denkenden Schwert ¹). Freilich sind diese schönen Spiele der Phantasie nur da möglich, wo die graue Theorie noch keinen Boden gefasst hat; wo diese, wo die Reflexion erscheint, kann kein echtes Volksmärchen mehr aufspriessen; und so müssen wir auch für unsere Zeit, deren Interessen auf viel- realeren Gebieten liegen ²), auf die Aussicht, diese liebenswürdigsten Kinder des Volkgeistes noch weiter geboren zu sehen, völlig verzichten.
Das Märchen will an und für sich weder Wissenschaft noch Moral lehren*); es will nur unterhalten. Und doch hat auch es seine Moral, freilich die liebenswürdigste und manchmal auch leichtsinnig-humoristischste, die man sich denken kann ⁴): es lässt nach mancherlei Gefahren und Nöthen schliesslich immer den Guten, den Fleissigen, den Schlaukopf siegreich aus dem Kampf mit dem Bösen, Faulen, Uebermütkigen, Trotzigen hervorgehen. Und so wenig im Märchen von Gott die Rede ist, geben uns doch alle die Zauberer- und Nixengestalten mit ihren wunderbaren Ver- wandlungskünsten in ihrem ganzen Benchmen stillschweigend zu, dass über ihnen noch ein höherer Wille herrscht, der sie gewähren lässt, mit dem zu collidiren ohne Vernichtung aber als unmöxglich angenommen wird. Es hängt mit dem vorhin erwähnten innigen Sichversenken des Volksgeistes in das Naturleben zusammen, dass diese Zauberer u. s. w. als Herrn eines Theiles der Schöpfung walten; der aber, von dem nur selten die Rede, thront über Allen als Beherrscher des Ganzen, des Alls ⁴).
Mögen nun auch die vorstehend mitgetheilten Erwägungen für ein allseitiges Verständniss vom Wesen des Märchens nicht erschöpfend sein, so haben sie uns doch die ebenso einfache wie wichtige Wahrheit näher gebracht, dass die Natur es ist, der wir Mythus und Märchen verdanken. Und wie nach und nach aus dem Ur-Natur-)mythus der Göttermythus entstanden, so ist, um mit M. Müller zu reden ⁰), ein überwiegend grosser Theil aller Volksmärchen als detritus von Göttermythen aufzufassen“). Daher auch die festen, charakteristischen Merkmale, die bei dieser Auffassung alle ihre naturgemässe Erklärung finden: das Wunderbare und Naive; das vorwiegende Vorkommen von Königen, Prinzen und Zauberern(Götter); das theils freundliche theils antagonistische Ver- hältniss, in dem Arme, Taglöhner u. s. w.(Menschen) zu diesen stehen; das Fehlen einer be- stimmten Ort- und Zeitangabe; die Wiederkehr bevorzugter Zahlen; die engen Beziehungen zum Naturleben und endlich die einfache Moral vom Sieg des Guten— im allgemeinsten Sinne— über den Schlechten.
Wenden wir nun nach diesen allgemeinen Betrachtungen den Blick auf jenes meerumspülte Heim des geistreichen Päninsularvolks, dem die Poesie Homer's für alle Zeiten den Vortritt in dem Reiche des Schönen erobert hat, nach Griechenland. Wir erwarten nicht ohne Grund, dass ein Stamm, der in allen Hauptzweigen der Poesie wie der Prosa Mustergltiges, noch heute Herzerquickendes geschaffen, uns auch bei unserer Suche nach Märchen nicht im Stiche lassen wird. Aber wie sollen
¹) Israel, Kalewipoeg S. 39 und S. 86.— Ebenso werden in der mongolischen Sage von Gesser Chan die Prallfelsen als denkend eingeführt(s. Jülg in d. Verh. der Philologenvers. von 1868 S. 64). Vgl. unten bei: Plankten.
²) Vgl. Klaiber, das Mürchen und die kindliche Phantasie S. 9.
²) A. Weber, Pancadandachattraprabandha S. 2. Die vielen buddhistisch gefürbten indischen Märchen sind in dieser Hinsicht nicht Muster.
¹) Abnorm ist das zakynth. Moralmärchen von»ffelios und Maroula«(Schmidt, Gr. M. Nr. 14).
²) Natürlich mit Modifikationen je nach den Religionen der einzelnen Völker.
6) M. Müller, Essays II. S. 187 u. 199. Denn das dort von der Volkssage Angenommene darf in diesem Sinne auch für das Mäürchen beigezogen werden.
*) So auch schon J. Grimm:»Sie(die Mürchen) sind, wie sich immer unzweifelhafter herausstellt, die wunderbaren letzten Nachklünge uralter Mythen, die über ganz Europa hin Wurzel geschlagen haben und geben reichhaltigen, um so unerwarteteren Aufschluss über verschüttet geglaubte Günge und Verwandtschaften der Fabel insgemein.« Angef. von Liebrecht, in Ebert, Jahrb. 1860 S. 134.


