Aufsatz 
Die märchenhaften Bestandtheile der homerischen Gedichte / Bender
Entstehung
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auch Chevaleresken; seine Complementärfarbe Roth dagegen die wunderbar genug in dem dänischen Märchen vom Ritter Grünhut ¹) als die Todfeindin von Grün erscheint erinnert mit ihrer Gluth an Feuerbrand und Hölle, überhaupt Tückisches, Verzehrendes*). Hie und da, aber im Ganzen selten, wird ein Thier mit der ihm charakteristischen Farbe bezeichnet; Farbenbezeichnungen dagegen, die zugleich und zunächst Stoffbezeichnungen sind(z. B. Scheffel oder Truhen voll Goldes, silberne Rüstungen, kupferne Wälder u. s. w.), gehören nicht zu den Seltenheiten. Kann uns daher auch im Allgemeinen im Märchen ein Mangel jener unzähligen Farbentöne auffallen, die uns von den Malern und hie und da auch von malerischen Dichtern unserer Tage fast im Uebermass geboten werden, so muss uns gerade diese Beobachtung wieder daran erinnern, dass auch die Urmythen, ohne Rücksicht auf Farbennfiancen, aus dem in's Auge tretenden Kampf von Licht und Schatten allein, von Sonnen- glanz und Wolkenschwärze ihre ersten Befruchtungen empfangen haben.

Damit hängt endlich auch die merkwürdige, wahrhaft bevorzugte Rolle zusammen, die im echten Volksmärchen, wie überhaupt allen Volksschöpfungen, der Natur zugedacht ist. Sind doch im Grunde alle Mythenstoffe der Naturbetrachtung entnommen, sind doch die Mythen nichts Anderes als personificirte Naturerscheinungen! Es fällt freilich dem Menschen, der die Hälfte seines Daseins am Pult, in künstlich gewärmter Stube verbringt, nicht ganz leicht, sich im Geist auf eine Culturstufe zurückzuversetzen, in der Nichts von Alledem vorhanden war, was jetzt zumeist die Gesellschaft bewegt und unterhält. Unser Sinn grübelt dem Urbeginn der Dinge nach, der sittlichen Weltordnung, den politischen Complexionen das Auge des vor 3000 Jahren lebenden Orientalen dagegen verknüpfte mit dem Stand der Gestirne, dem Zuge der Wolken die Gedanken an seine nächsten praktischen Aufgaben und Pflichten. Daher in den ältesten Dichtungen die auffallende Masse von der Natur entlehnten Bildern, deren Anwendung dem modernen Poeten nur entweder in Folge leb- hafter Imagination oder als kalter Kunstgriff gelingen mag, während sie dem antiken Dichter unab- weislich entgegensprang. Es ist ein merkwürdiges Zeugniss unseres Goethe, der wie kein anderer Poet den Geheimnissen der Natur nachgespürt, wenn er nach der Lektüre der Odyssee im Garten Palermo's bekennt:Was den Homer betrifft, ist mir wie eine Decke von den Augen gefallen; die Beschreibungen, die Gleichnisse u. s. w. kommen uns poctisch vor und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit und Innigkeit gezeichnet, vor der man erschrickt. Die Personifikation also, meinen wir, das Menschlich-, Lebendigmachen des Thierischen oder gar Unbelebten ist ein Produkt naiven freudigen Sichversenkens in das Leben und Weben der Natur. Das Pferd, der Wolf, die Taube haben für den sinnigen Beobachter auch ihre Sprache und demnach auch ihre Gedanken; der Sturm, die Sonne, der See werden zu lebenden Wesen; und mag der moderneGebildete im Gewitter nur an elektrische Fluida, beim Sturm an die Mischung ungleich- mässig erwärmter Luftschichten denken, doch lässt unser Sprachgebrauch mit bildlicher Kraft bis auf den heutigen Tag den Sturm heulen, das Gewitter grollen, den See zürnen, die Sonne lachen. Soll da nicht auch das Märchen das Recht haben, edle Rosse mit Sprache zu begaben ³⁵), Hirschen) und selbst dem stummen Fisch*) die Zunge zu lösen, ja Rosen) und gar einen See*) zu klugen

¹) Svend Grundtvig, dän. Volksmürchen. Uebers. von W. Leo. Leipzig 1878. S. 193 ff.

²) Vgl. die Gestalt des Ritters Roth in dem dän. M. vom Ritter Grünhut und in dem ungar. M. von den drei Königssöhnen(Stier, Ungar. M. u. Sagen Nr. 1).

³) Schmidt, Griech. M. Nr. 23; ferner öfter in russischen und ungarischen Volksm.

¹) Im zakynthischen M. von-Helios und Maroula«(Schmidt, Gr. M. Nr. 14 S. 105).

*) In den dänischen M.»Die Zwillingsbrüder«(Grundtvig S. 277 ff.) und»Die Wünsche«(ibid. S. 115 ff.) im russichen M.»Von Emeljan dem Narren«(Dietrich, Russ. Volksm. S. 171 ff.).

) Im griechischen M.»Die Schönste«(Schmidt Nr. 10).

²) Im zakynthischen M.»Die siebenköpfige Schlange«(Schmidt Nr. 23).