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Mythus und Religion stehen im Alterthum in engster Wechselbeziehung zu einander. Mytho- logische Anschauungen haben nicht selten zu religiösen Festsetzungen Veranlassung gegeben; und wenn wir auch den eigentlichen Sitz und Halter religiösen Bewusstseins in der menschlichen Seele erkennen müssen, die unbewegt von Naturerscheinungen aus innerster Bestimmung an dem Erfassen des Göttlichen arbeitet, dürfen wir doch auch nicht leugnen, dass frühzeitig dunkle Resultate religiöser Ahnung durch ein der mythologischen Anschauung entnommenes Bild erst ihrem gewissermassen nebel- haften Dasein entrückt worden sind. Und da spielt denn die Zahl von Alters her eine nicht unbe- deutende Rolle. Es ist kein Zufall, dass in den Mythologieen so vieler Völker dieselben Zahlen fast mit Hartnäckigkeit wiederkehren ¹); und selbst wo eine neue Religion ihr Siegeszeichen auf dem Grabe der überwundenen aufgepflanzt, selbst da noch tritt der alte Glaube wie ein Schatten nach Jahr- hunderten in der Zahlensymbolik der Volksbräuche und des Märchens wieder hervor. Freilich muss er sich dann öfter bequemen, mit den Ueberlieferungen des neuen Glaubens auch auf dem Gebiet, das viele Menschenalter lang seine unbestrittene Domäne war, die Herrschaft zu theilen. Eins der lehrreichsten Beispiele für diese Erwägungen und zugleich das naheliegendste bietet uns die Cultur- geschichte der germanischen Völker, in der sich die Fäden altheidnischer und christlicher Einwirkungen, religiöser und mythologischer Vorstellungen ganz besonders auf diesem Randgebiet der Religion merk- würdig verschlingen. Dies im Einzelnen nachzuweisen würde die Aufgabe eines umfassenden Werkes sein; hier sei nur ganz kurz auf einige Lieblingszahlen der Völker und die im Hintergrund stehende Anschauung hingewiesen. Keine Zahl wohl spielt im Märchen wie im Kinder- und Volksmund eine grössere Rolle als die„heilige“ Drei. Die drei Söhne, die nach Thaten ausziehen; die drei Arbeiten, die zu Reichthum und Ehre oder gar zum Besitz der verzauberten Prinzessin führen; die drei drohenden oder helfenden Thiere; die drei Erscheinungsgestalten der Zauberer— sie kehren in einer ganzen Reihe von Märchen wieder vom Ganges bis zum Belt. Wir haben ein Märchen von den drei Glücks- kindern, den drei Fräulein im Walde, den drei Faulen, dem Teufel mit den drei goldenen Haaren, von den drei grünen Zweigen u. s. w. Woher das? Die indische Trimurti, die etruskische Drei- gottheit, die griechischen drei Götterbrüder, die sich in die Herrschaft der Welt theilen, die christliche Trinität geben uns Antwort darauf ²). Weiter. Die aufmerksame Beobachtung des gestirnten Himmels musste den Bewohnern der nördlichen Erdhälfte frühzeitig Ein Sternbild gewissermassen als Dominante im Akkord der Himmelslichter erscheinen lassen; die nüchtern zählende Betrachtung gab ihm den Namen Siebengestirn(Septemtriones) ³), die vergleichende nannte es den Wagen und die mythologi- sirende machte einen Bären daraus. Erinnern wir uns dazu der Stelle im biblischen Schöpfungs- bericht 1. Mos. 2, 2. 3.(Und also vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte; und ruhete am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er machte; und segnete den siebenten Tag, und heiligte ihn) und des Gebotes des Herrn an die Kinder Israel 2. Mos. 31, 15.(Sechs Tage soll man arbeiten, aber am siebenten Tage ist der Sabbath, die heilige Ruhe des Herrn) ⁴); ferner der Thatsache, dass zwischen Ostern und der Ausgiessung des heiligen Geistes ein Zeitraum von siebenmal sieben Tagen liegt, dass endlich auch in der nordischen Mythologie die Zahl Sieben eine wenn auch nicht hervorragende Rolle spielt— gar nicht zu gedenken der auf sieben Hügeln ruhenden Hauptstadt des Erdkreises— so wird es uns nicht auffallen, der Siebenzahl nun auch im Volks- märchen der christlichen Völker des Abendlandes öfter zu begegnen. Die sieben Farben des Regen-
¹) Einige treffende Bemerkungen darüber bei Welcker, Götterlehre I, 51 ff.
²) Für die auch sonst vorkommenden Vielfachen von Drei(besonders häufig 9, 12, 24, 27, 30, 60) liefert das russische Volksmärchen eine stattliche Reihe von Beispielen.
³) Mit dieser Erklärung stimmt, wie ich nachträglich finde, M. Müller(Vorlesungen über die Wissensch. d. Sprache. 2. Serie S. 398) überein, der die sanskrit. Stämme star und tâarà zur Begründung beifügt.
4) Vgl. auch den gewiss volksverständlichen Ausspruch Christi Matth. 18, 22.


