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müssen doch auf einer höheren Lebensstufe stehen als die det⁴od ⁵⁴οοσπσ᷑, und so erscheinen sie uns im Märchen als Könige, Prinzen und Prinzessinnen; wohl auch als Zauberer und Hexen. So wird der Frühlingsgott Sigurd, der die von Nordschein umlohte, im Eispanzer erstarrte Erde(Brunhild) mit heissem Kuss zu neuem Leben ruft, zum muthigen Prinzen, der die Dornhecke siegreich durch- schreiten und das von der Zauberspindel(dem Schlafdorn Wotan's) in Schlaf versenkte Königs- töchterlein erwecken darf. So erscheint der schöne Lichtmythus von der Geburt der Athene aus dem Haupte des Donnerers nach Jahrtausenden wieder als Märchen von dem König mit der ange- schwollenen Wade ¹), aus der nach einem Dornstich eine schöne Jungfrau hervorspringt, am ganzen Körper gewaffnet, Lanze und Helm tragend. In beiden märchenhaften Umgestaltungen ist ein Wunder zu verzeichnen; im Dornröschen, dass gerade dieser Prinz durch die sonst unbezwingliche Dorn- hecke hindurchdringt und dass sein Kuss wahrhaft lebenverleihend ist, im zakynthischen Märchen, dass des Vaters Wade zur Mutter wird. Kein Wunder auch! Im Hintergrund stehen Phöbos und Zeus, Sonnenwärme und leuchtender Himmelsglanz, und wie sie in der Natur Wunder wirken, so darf auch ihren menschlichgestalteten Vertretern das Wunder nicht fehlen. Aber nicht mit diesen ursprünglichen Göttergestalten allein operirt das Märchen; auch das nüchterne Menschendasein muss ihm Objekte liefern, die es dann entweder in listigem Wettkampf mit den eben berührten höheren Potenzen oder im Verhältniss treuer Clientel zu denselben auftreten lässt. Erscheinen aber, wie dies in einigen Märchen der Fall, nur Menschen in Reibung mit Menschen, so ist es nicht auffallend, sondern nur consequent, dass dann das Wunderbare wegfällt und die naive Schilderung menschlicher und natürlicher Verhältnisse— wobei die phantasievolle Belebung der Natur eine grosse Rolle spielt — an seine Stelle tritt.
Aus der Abstammung des Märchens vom Mythus erklärt sich ferner sein Verhalten zu der Bestimmung von Ort und Zeit, das, kurz gesagt, sehr negativ ist. Denn, mögen auch die Em- pfindungen, die im Menschen durch die Naturerscheinungen erregt werden, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Gegenden ziemlich verschieden von einander sein, die Erscheinungen selbst sind sich ihren Elementen nach überall und zu jeder Frist gleich geblieben. Die Beobachtung von Gluth, Helle, Wolken, Regen, Gewitter, Hagel, Reif, Schnee und was sie überwindet, dann auch, freilich lokal beschränkter, der vulkanischen Erscheinungen ist überall die Grundlage der Mythen- bildung gewesen; und weil sie im Grunde überall gleich ist, weiss der Urmythus auch Nichts von einem Lokalbann: wo und wann der leuchtende Himmel plötzlich durch Wettergewölk bricht, kann Athene geboren sein. Und so bindet sich auch das Märchen nicht an Ort und Zeit; unsere deutschen Märchen beginnen nicht ohne Grund mit dem stereotypen„Es war einmal“ und schliessen nicht um- sonst mit dem scheinbar platten, aber doch eine infinite Zeitbedeutung umfassenden refrainartigen Wort „Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch“ ³). Wo hie und da Ortsbestimmungen sich finden, können wir sicher entweder auf Verquickung mit Sagenstoffen(wie in den oben S. 5 erwähnten russischen Volksmärchen) oder auf humoristische Absichten des ersten Erzählers(wie in dem ungarischen Märchen„Vom Teufel und den drei jungen Slaven“, Stier, Ung. M. Nr. 3) schliessen. Auch die Dichter des Kunstmärchens, Andersen nicht ausgénommen, haben sich diesen Zug zu Nutze gemacht; sie wissen es wohl, welcher Zauber für das kindliche Gemüth in der Vorstellung liegt, dass Alles das, was es eben hört, nicht da oder dort, sondern eigentlich überall und nirgends geschehen sei.
¹) Auf Zakynthos. S. Bernh. Schmidt, Griech. Mürchen, Sagen und Volkslieder. Leipzig, Teubner. 1877. S. 76.
²) Ganz ühnlich das neugriechische Mürchen(Schmidt, Griech. M. u. s. w.), ebenso das russische (Dietrich, russ. Volksm. Leipz. 1831) und das walachische(Gebr. Schott, Wal. M. Stuttg. 1845). Ganz originelle Fassung desselben Grundgedankens zeigt das ungarische Mürchen(vgl. Stier, Ungar. M. und Sagen. Berlin 1850, bes. Nr. 1, 2, 5, 6, 7, 8, 11, 13).
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