Aufsatz 
Die märchenhaften Bestandtheile der homerischen Gedichte / Bender
Entstehung
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das Märchen hat in gewissem Sinne seine Charaktermasken wie die italienische Komödie; und die homerischen Gedichte bieten uns Stoff genug, diese Beobachtung an Bestandtheilen zu machen, die, wie wir vielleicht erweisen können, nicht blos indogräkisch, sondern im weitesten Sinne international sind.

Neben dem Mythus geht als jüngere Schwester die Sage her. Während aber jener einen Naturvorgang als göttliches Weben und Walten fasst und in einem menschlichen Verhältnissen ent- lehnten Bilde zur Darstellung bringt, rückt diese menschliches Mühen und Wirken in die Sphäre des Uebermenschlichen empor und vergoldet die ehrenwerthe aber vielleicht recht nüchterne That eines kräftigen Genossen der Vorzeit mit dem Strahl der Poesie. Wie nah ist dann das Hinüberschreiten in's Phantastische! Ein Held, der Uebergewöhnliches vollbracht, soll er nicht auch Unmögliches voll- bringen können? Mit seinen grösseren Zwecken ist er selbst gewachsen; göttliche Hülfe begleitet ihn: d,νε τοο εmQοι⁴eεν εμοονεα τ ⁵ε‿α⁴ον(Sophocl. Ant. 360). Die Phantasie findet ihr Vergnügen daran, dem Braven antagonistische Kräfte in den Weg zu stellen, die er überwinden muss; und wie oft Ein Gedanke der Vater von tausend anderen sein kann, ist leicht Ein märchenhafter, vielleicht ursprünglich nur angedeuteter, Zug die Veranlassung zur Erfindung eines ganzen Märchencomplexes. So finden wir beispielsweise die Sage von Dietrich, dem Berner Helden, von märchenhaften Geweben (Laurin und sein Rosengarten u. a. m.) ganz umsponnen. Ist demnach die schlichte Sage, ihrer Ent- stehung und ihrem Charakter gemäss, nur selten die Mutter eines Märchens, so kann sie doch wie besonders einige Beispiele aus der russischen Volksliteratur zeigen*) durch Umwandlung einzelner und vorzüglich durch Beifügung neuer Bestandtheile am Ende selbst zum Märchen werden.

Endlich hat eine liebevolle und phantasiereiche Betrachtung der einfachsten menschlichen Verhältnisse, wie das der Geschwister zu einander, der Stiefmutter zu den Stiefkindern, des geplagten Ehemanns zur herrischen Gattin u. s. w., Veranlassung zur Entstehung einer ganzen Reihe von Märchen gegeben. Frei von dem Einfluss mythologischer Reminiscenzen spiegeln sie, oft mit den rührendsten Zügen, die besten Seiten eines Volkscharakters wieder und sind demgemäss Ehrendenkmale der Nation aus vergangener Zeit. Nur wo die Ehe heilig, wo das Verhältniss der Blutsverwandten als ein unauflösliches Band werth gehalten wird, spriessen diese zartesten Triebe empor; und wenn wir Deutsche auch nicht so weit gehen sollten, denjenigen Völkern, die dem Gang ihrer religiösen Entwickelung gemäss derartige Blüthen des Volksgemüths nicht aufzuweisen haben, überhaupt den Besitz des echten Volksmärchens streitig zu machen, haben wir doch allen Grund, uns des altwerthen Besitzes recht sehr zu freuen.

Die durch eine Reihe von Forschungen begründete Ansicht von der Entstehung der weitaus meisten Märchen aus ursprünglichen Mythen oder sagenhaften Erzählungen, mögen die ursprünglichen Bestandtheile derselben im Lauf der Jahrhunderte noch so unkenntlich geworden sein, liefert uns allein die Erklärung aller der Kleinigkeiten, die als Merkmal des Märchens aufgeführt werden können, und gibt uns damit zugleich den untrüglichen Probirstein in die Hand, an dem wir die eigentlich märchenhafte Behandlung eines Stoffes von einer anderweitigen sofort werden unterscheiden können. Und merkwürdigerweise folgen selbst die mythenlos entstandenen Märchen in Bezug auf diese Charakte- ristika im Ganzen dem Beispiel der Mythensprösslinge, nur dass bei ihnen aus guten Gründen an die Stelle des Wunderbaren das Naive zu treten pffegt.

Das Märchen arbeitet und bildet wie eine Camera obscura. Die riesigen, oft noch in nebel- haften Umrissen erscheinenden Göttergestalten des Mythus werden durch die Sammellinse kindlicher und das Plastische, das Anschauliche liebender Phantasie zu menschlichen Wesen verdichtet; aber sie

¹) So die»Geschichte von dem berühmten und tapferen Ritter Ilija, dem Muromer und dem Räuber Nachtigall« und theilweise auch das»Märchen von dem berühmten und tapferen Helden Bowa Korolewitsch und der schönen Königstochter Druschnewna«(Dietrich, Russ. Volksm. Nr. 6 und 7).