Die märchenhaften Bestandtheile der homerischen Gedichte.
Von Dr. F. Bender.
Der Erste, dem die Phantasie den Blick auf die grossen, immer wiederkehrenden Erscheinungen in der ihn umgebenden Natur gelenkt, ward auch der erste Mythenerfinder. Dem Betrachtenden un- bewusst gesellte sich der Anschauung der Gedanke zu, und das Schwinden des Frühlings ward ihm zur Flucht der jugendlichen Göttin, der befruchtende Regen zum Symbol der Vereinigung des Himmels- gottes mit der Herrin der Erde. Ungesucht ward der älteste Mythus gefunden; und die, bei kleineren Verschiedenheiten, doch allen Zonen gemeinsame Einartigkeit der Erscheinungen, jener unwandelbare Wechsel von Tag und Nacht, Hitze und Kälte, Feuchte und Trockenheit, Fruchtbarkeit und Oede, Sonnenglanz und Wolkendüster erklärt hinlänglich ebenso die Uebereinstimmung wie die relativ geringe Zahl der Urmythen aller Völker. Aber bei diesen bleibt die fortschreitende Mensch- heit nicht stehen. Sie bemächtigt sich ihrer, reflektirt über sie, spielt mit ihnen; an die einfachsten Gedankenkörper schiessen, Krystallen gleich, neue an; die alten verändern sich durch gegenseitige Mischung und gewissermassen chemische Einwirkung auf einander: und die ausgebildeten Mythen sind da. Mehr ein Produkt der Entwickelung als der Neuschöpfung haben sie unter den Händen der Dichter und Priester oft unerwartet reiche, bunte Formen angenommen, während die Strenge der Zeichnung, die Klarheit des durchscheinenden Grundgedankens, die jene Urmythen auszeichnet, nicht bei ihnen gesucht werden dürfen. Die frei waltende Phantasie, die ihre Zahl bei einzelnen Völkern je nach individueller Begabung und lokaler Veranlassung fast in's Unglaubliche gesteigert, hat ihnen zugleich bei allen feiner angelegten Volksnaturen jenes edle Gewand der Idealität umge- worfen, das ebenso freundlich die nüchterne Natürlichkeit bedeckt wie es entschieden den phantastischen Flitter als schmückenden Genossen zurückweist. Aber die Mythenentwickelung geht noch weiter, und die luftigen Gedankenbilder müssen mit der organischen Natur den Process des Werdens und Zersetzt- werdens bis zum Ende an sich in Erfüllung gehen sehen. Die menschliche Natur liebt es nach ihrer unergründlichen Art, manchmal ganz plötzlich den Verstand und Alles, was dem natürlichen Menschen allein richtig scheint, bei Seite zu werfen, sich gewissermassen alles logischen Denkens zu entledigen und mit den Flügelschuhen der Phantasie einer Welt der Wunder zuzueilen, in der Nichts mehr wunderbar ist. Sie nimmt dann den sehfrohen Blick, den gläubigen Sinn des Kindes an, der um so leichter das Wunderbare erträgt, da ihm ja von Tag zu Tag Unfassbares genug entgegentritt. Das Produkt dieser phantastischen Betrachtung und Umbildung des Mythus ist das Märchen. Bei dem unzweifelhaft sehr früh lebendigen Zuge nach derartiger Metamorphosirung wird es nicht gewagt sein, auch dem Märchen ein verhältnissmässig hohes Alter zuzuweisen und damit auch die Ueberein- stimmung so vieler Märchenbildungen bei den verschiedensten Völkern und, was dem aufmerksamen Betrachter ganz besonders auffallend sein muss, selbst die Wiederkehr gewisser typischer Personen, die sich nicht durch spätere Uebertragung erklären lassen wird, in Verbindung zu setzen. Auch
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