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Aufschluss giebt. In Betracht kommt ein Brief, den Leicester am Abend des 9. September an seinen Vetter Blount schrieb, und die Antwort dieses Blount vom I1. September. Der Geliebte Elisabeths hatte am 9. September, und zwar ehe er die Todesnachricht seiner Frau erhalten hatte, diesen Blount nach Cumnor geschickt. Unmittelbar nach dessen Weggang(immediateley upon your departing from me, there came to me Bowes), schreibt Leicester, kam Bowes mit der Trauerbotschatt. Nach herkömmlicher Annahme traf dieser Bowes am Morgen des 9. September in Windsor ein. Dies ist nicht möglich. Bowes gehörte zu der Dienerschaft von Amy Robsart und hatte mit seinen Genossen und Genossinnen gerade den 8. September, angeblich auf ausdrücklichen Befehl seiner Herrin, auf dem eine Stunde von Cumnor gelegenen Jahrmarkt von Abingdon zugebracht. Nach Art von Dienern, die eine derartige Erlaubnis erhalten, wird wohl kaum von einer frühen Rückkehr nach Cumnor die Rede gewesen sein.
Die Entfernung zwischen Cumnor und Windsor beträgt 40 engl. Meilen. Ein Reiter, denn um solche handelt es sich hier, konnte diese Strecke im September, in der guten Jahreszeit, auch bei den damaligen Wegverhältnissen in sieben, höchstens aber acht Stunden zuricklegen. Nun machten Blount und Bowes denselben Weg, und Leicesters Vetter stiess nach seiner eigenen Aussage unterwegs mit Bowes zusammen.(I did first learn of Bowes, as Imet with him coming towards your Lordship.) Diese Begegnung muss kurz vor Windsor stattgefunden haben, denn wir wissen von Leicester selbst, dass Bowes unmittelbar nach Blounts Abreise dort eintraf. Blount aber traf nachts in dem eine Stunde von Cumnor gelegenen Abingdon ein.(The same night I came from Windsor I lay at Abingdon all that night) Daraus ergiebt sich ein sehr einfacher Schluss: Kam Bowes schon morgens nach Windsor, so ist Blount auch schon morgens und zwar vor dem Eintreffen von Bowes von Windsor weggeritten, aber er hat dann für denselben Weg, den Amy Robarts Diener bei Nacht und in kürzerer Zeit zurück- legte, den ganzen Tag und längere Zeit gebraucht, denn Blount kam gar nicht bis Cumnor, sondern nur bis Abingdon, Bowes aber kam von Cumnor und musste, um mit dem Morgen in Windsor ein- zutreffen, zu seiner Reise die Nacht oder einen Teil der Nacht benutzen, also jedenfalls eine Zeit, in der das Reisen beschwerlicher und langsamer von statten ging.
Dies ist ein Widerspruch, der sich aber in sehr einfacher Art aufklärt, wenn man von der An- nahme, die Nachricht von Amys Tod sei morgens eingetroffen, absieht und mit den oben angeführten Thatsachen rechnet. Blount kam erst nachts nach Abingdon, weil er erst im Laufe des Nachmittags aufbrach, dann aber kann Bowes nicht morgens nach Windsor gekommen sein, sondern ebenfalls erst mittags, denn vor Windsor begegnete er Blount. Damit erklärt sich auch die weitere Thatsache, dass Leicester am Abend des 9. September dem Blount einen Brief nachsandte, denn nicht denkbar scheint es, selbst wenn Leicester in der einen oder anderen Weise eine entscheidende Nachricht aus Cumnor erwartet hat, dass er erst am Abend die zur Berufung einer Jury nötigen Massnahmen anordnete, nachdem er schon am Morgen erfahren hatte, dass seine Frau eines unnatürlichen Todes gestorben war.
Für Leicesters Geliebte, die Königin Elisabeth, aber ergiebt sich hieraus, dass sie auch höchstens am Mittag des 9. September die Nachricht von Amys Tod erhalten haben kann. Wie aber, wenn Elisabeth am neunten auf der Jagd war? Dann konnte sie, falls die Jagd nachmittags stattfand, aller- dings schon um die Sache wissen. Ihre diesbezügliche Ausserung aber war dann unbegreiflich thöricht, denn jeder Hörer, der ihren Worten gemäss glaubte, dass sie zur Zeit der Rückkehr von der Jagd noch keine bestimmte Nachricht hatte, musste sich später die Frage vorlegen: Wie konnte die Königin das Ende einer Person erwarten, die nicht durch Krankheit, sondern durch einen Unfall das Leben verlor?
Fand die Jagd dagegen morgens statt, so konnte Elisabeth bei ihrer Rückkehr kaum etwas von dem eingetretenen Tode Amys wissen, da Bowes wahrscheinlich während ihrer Abwesenheit in Windsor ankam. Bowes aber fand Leicester in Windsor. Dieser kann folglich nicht an der Jagd teilgenommen haben. Warum aber, muss man hier fragen, blieb Leicester, der unentbehrliche Begleiter der Königin bei solchen Vergnügungen, an diesem Tage zu Hause? Erwartete er eine bestimmte Nachricht von Cumnor? Hatte er etwa aus diesem Grund Blount dorthin gesandt, weil diese Nachricht zu lange auf sich warten liess? Oder sollen wir Elisabeths Ehre halber glauben, sie habe den spanischen Ge- sandten überhaupt erst am 9. September, dem vierten Tag seiner Anwesenheit in Windsor, gesprochen, und die Jagd habe am 10., dem darauffolgenden Tag, stattgefunden?
Doch lassen wir zum Schluss noch die Königin selber reden. Spricht die fragliche Ausserung dafür, dass sie gemacht wurde, nachdem Elisabeth die bestimmte Nachricht von Amys Tod hatte? Nehmen wir auch der Sprecherin zu Liebe an, die Nachricht sei überraschend gekommen. War es dann von dieser sonst so klugen Fürstin nicht höchst unklug zu sagen:„Lord Roberts Frau ist tot oder dem Tode nahe, ich bitte aber darüber nichts zu sagen.“ Sie teilte damit eine Thatsache in einer


