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nach Windsor trieb, war also dringend und erforderte baldige Erledigung. Schwierigkeiten boten sich hier einer Unterredung mit Elisabeth um so weniger, als der Gesandte, nach den damaligen Verhält- nissen in Windsor, mit der Königin unter einem Dach wohnen musste. Mit andern Worten, er war dort ihr Gast. Ausserdem aber ist es eine bekannte Thatsache, dass Elisabeth die Unterhaltung mit Aquila ungemein liebte. Sie behandelte ihn wie einen Vertrauten— die Ausserung bezüglich Amy Robsarts beweist dies schon zur Genüge— und sie hatte ihn kurz vorher eingeladen, sie auf einer Reise nach Portsmouth zu begleiten.(Aq. a. d. Bisch. v. Arras 13. Aug. 1560). Und wer die Ge- schichte jener Zeit genau kennt, weiss, welche Schwierigkeiten der Einfluss des Spaniers der Staatskunst Cecils bereitete. Dies alles spricht dafür, dass Elisabeth einen so willkommenen Gast nicht lange auf eine Unterredung warten liess, und macht es geradezu undenkbar, dass diese Unterredung etwa 2 oder 3 Tage nach Aquilas Ankunft in Windsor, also etwa erst am 8. oder 9. stattgefunden habe. Dann kann aber jene Kusserung Elisabeths bezüglich des Todes von Amy Robsart auch nicht so spät statt- gefunden haben, denn sie wurde an dem darauffolgenden Tag gemacht. Allein an welchem Tag? Nach Aquila an dem Tag, welcher seiner Unterredung mit Elisabeth und Cecil folgte bei der Rückkehr der Königin von der Jagd. Fand demnach Aquilas Unterredung mit Elisabeth und Cecil am 6. Sep- tember statt, dann war die Königin am Samstag dem 7. September auf der Jagd, und sie machte jene Ausserung einen Tag vor dem Tod der Amy Robsart. Wurde Aquila dagegen erst am Samstag dem 7. von Elisabeth empfangen, dann müsste jene Ausserung am Todestag von Lord Roberts Frau, dem 8. September gefallen sein. Dies aber ist sozusagen unmöglich, denn der 8. September war ein Sonntag, dessen Heilighaltung ein Parlamentsbeschluss von dem Jahr 1558 durch Erneuerung des Act for Uniformity of Common Prayer and Divine Service(Statutes at Large of Engl. vol. III 5 und 6, E. VI c. I und vol. IVI El. c. II.) ausdrücklich festgesetzt hatte. Man darf deshalb als ganz gewiss annehmen, dass Elisabeth diese Ausserung nicht am 8. September gethan haben kann, sondern ent- weder direkt nach oder vor diesem Tag, d. h. am 9. oder 7. September. Hierbei aber sprechen die Umstände mit aller Entschiedenheit für den 7. September, weil kaum anzunehmen ist, dass der spanische Gesandte erst am 3. Tag seiner Anwesenheit in Windsor, am 8. September, Gelegenheit bekam mit der Königin und Cecil zu sprechen, so dass die Jagd etwa auf Montag, den 9. September gefallen wäre.
Für diese Annahme spricht der natürliche Wortlaut des Briefes, und gerade dieser Wortlaut macht die Ansicht Gairdners, Elisabeth könne sich auch am 10. September so geäussert haben, ganz un- möglich. Der Bischof schrieb seinen Brief am 11. Wird er an diesem Tag über etwas, das er gestern erlebte, schreiben: Am darauffolgenden Tag sagte mir die Königin bei der Rückkehr von der Jagd, Lord Roberts Frau sei tot oder dem Tode nahe. Ich glaube, er hätte dann nicht geschrieben: El dia despues que passo esto me dixo la Reyna viniendo de cagar etc., sondern Ayer me dixo... Gestern erzählte mir die Königin. Der von dem Gesandten gebrauchte Ausdruck ist nur dann eine natürliche Wendung, und nur dann erklärlich, wenn er sich nicht auf ein gestriges, sondern auf ein früheres Erlebnis bezieht.
Um aber jede Möglichkeit zu erschöpfen, wollen wir auch Gairdners Ansicht, der Brief sei piece- meal on different days geschrieben, mit den in dem Brief vorhandenen Daten vergleichen. Nach Gairdners Hypothese wurde der Brief mit Ausnahme seines Schlusses am 9. oder 10. September ge- schrieben, d. h. nachdem Elisabeth bestimmte Nachricht von Amy Robsarts Tod hatte. In diesem Falle könnten jene Unterhaltungen Aquilas mit Elisabeth und Cecil frühestens am 8., die Jagd frühestens am 9. stattgefunden haben, denn diese fand ja am Tag darauf statt. Mit dieser Behauptung nicht vereinbar ist das am Anfang des Briefes gegebene Datum: Ich kam vor fünf Tagen nach Windsor. Denn eine solche Zeitangabe hat, wie schon bemerkt, nur dann Sinn, wenn sie unter Bezugnahme auf das Schlussdatum, den I1. September, geschrieben wurde. Dazu aber bleibt auch in diesem Fall die Ausdrucksweise„Am darauffolgenden Tag sagte mir die Königin bei der Rückkehr von der Jagd“ nicht minder unnatürlich, weil der Bischof dies am Tag der Jagd selbst oder am nachfolgenden ge- schrieben haben müsste. Ausserdem aber darf man wohl einwenden: Hat es hier überhaupt Sinn anzunehmen, der spanische Gesandte habe einen Bericht, der sich über eine so kurze Zeit erstreckt, tagebuchartig niedergeschrieben, zumal da er im ersten Satz seines Briefes, direkt vor dem Datum seiner Ankunft, bemerkt, er wolle schnell„con diligencia“ die neuesten Ereignisse melden? Dieser Ausdruck, sowie das darauffolgende Datum sprechen doch sehr deutlich dafür, dass dieser Brief nicht piecemeal on different days geschrieben wurde, sondern in einer Folge an dem Tag seines Datums, dem II. September 1560.
Aber selbst wenn die Jagd am Montag dem 9. September stattfand, bleibt die Ausserung der Königin nicht minder belastend. Den Beweis dafür liefern die paar Daten des Blount-Leicester-Brief- wechsels, des einzigen authentischen Materials, das über die gleichzeitigen Vorgänge in Cumnor einigen


