Aufsatz 
Das Ende Amy Robsarts nach dem Bericht des spanischen Gesandten Alvaro de la Quadra vom 11. Sept. 1560
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

gelegenheit zu befassen, die durch den Erlass des Leichenbeschauers und die Jury schon anders be- funden wäre. Ein anderer Zeuge versicherte, von Appleyard die Worte gehört zu haben:Um des Grafen willen habe ich die Ermordung meiner Schwester verhehlt. Mochte Appleyard auch damals vor dem Privy Council erklären, er halte den Grafen für unschuldig, seine Aussagen stellten diesen in empfindlichster Weise bloss, zumal da noch ein anderer Umstand erwies, dass Appleyard, den Leicester seiner Zeit nach Cumnor berufen, angeblich um unparteiischer Zeuge und Bürge einer ge- wissenhaften Untersuchung zu sein, der Verkündigung und Begründung des Untersuchungsergebnisses gar nicht beigewohnt hatte. Leicesters Schwager behauptete nämlich am 8. Mai 1567 vor dem Privy Council, die Jury hätte im September 1560 überhaupt kein Verdikt gefällt, und auf sein ausdrückliches Verlangen erhielt er erst jetzt im Juni 1567 eine Kopie des Geschworenenverdiktes. Die Anerkennung dieses Verdiktes durch Appleyard und das Bekenntnis, er habe sich gegen seinen Schwager in Pflicht, Liebe und Wahrheit vergangen, er habe diesen nur aus Bosheit verleumdet, bildeten den Schluss der damaligen Untersuchung. Dieser Widerruf ist schon von verschiedener Seite als eine vollständige Rechtfertigung des Graten Leicester hingestellt worden.*) Die hierüber vorliegenden Urkunden liefern diesen Beweis jedoch keineswegs. Die damalige Untersuchung hatte gar nicht den Zweck, etwa Licht lber den rätselhaften Tod Amys zu verbreiten, sie war lediglich ein politischer Schachzug gegen den Grafen Leicester. Cecil wollte durch die Verhaftung und das Verhör Appleyards den Grafen Leicester nicht etwa stürzen, sondern nur als Heiratskandidaten gegeniiber dem Erzherzog Karl blossstellen. Dieses Ziel erreichte er, indem er scheinbar den Grafen durch ein gerichtliches Vorgehen gegen Ver- leumdungen zu schützen suchte. Ein Sturz Leicesters war bei dem Grad von Gunst, den ihm Elisabeth zu teil werden liess, unmöglich. Appleyard hatte sich in unkluger Weise von den geheimen und offenen Gegnern des Günstlings missbrauchen lassen in der Hoffnung auf reichen Lohn von Leicester, wenn er schwieg, oder von dessen Gegnern, wenn er gegen Leicester aussagte. Seine Aussagen mochten wahr oder falsch sein, die Stellung des Grafen erforderte einen Widerruf. Hierbei aber bleibt eine hochwichtige Thatsache: Appleyard widerrief nicht, dass ihm schon in Cumnor das Ergebnis der Leichenschau und Untersuchung mitgeteilt wurde. Er bestätigte hier, wie vor dem Privy Council, dass seine Anwesenheit in Cumnor als Zeuge und Vertreter von Amys Verwandten in Wirklichkeit von gar keinem Wert gewesen war. Wenn er jetzt nach sieben Jahren als Gefangener des Fleetgefängnisses das Geschworenenverdikt anerkannte und seine Aussagen widerrief, kann er dies unter den obwaltenden Verhältnissen auch sehr wohl nur deshalb gethan haben, weil er einsah, dass nur um diesen Preis die Freiheit wieder zu erlangen war. Jedenfalls spricht Cecils Urteil über Leicester:He is infamed by the death of his wife, mehr für diese Auffassung als für eine andere.

Für die Frage: hat Elisabeth um die Ermordung der Amy Robsart gewusst, ist der Brief, welchen der spanische Gesandte Alvaro de la Quadra, Bischof. von Aquila, am II. September 1560 von Windsor aus an Margarethe von Parma schrieb, von entscheidender Bedeutung, denn aus diesem Brief geht mit grosser Wahrscheinlichkeit hervor, dass die Königin den Tod ihrer Nebenbuhlerin schon zu einer Zeit erwartete, als dieser entweder noch gar nicht eingetreten war, oder als sie selbst noch keine bestimmte Nachricht über den eingetretenen Todesfall haben konnte. Das spanische Original dieses Briefes hat Kervyn de Lettenhove in seinem ausgezeichneten Quellenwerk ‚Relations politiques des Pays-Bas et de l'Angleterre sous le règne de Philippe II. 1883 vollständig veröffentlicht. Die Ubersetzung, welche Froude VI, 417 von diesem Brief giebt, zeigt, wie schon in den Giessener Studien V, 50 bemerkt, in sehr wesentlichen Punkten, besonders in den Daten, Ungenauigkeiten. Diese Uber- setzung von Froude hatte Gairdner in seiner Abhandlung The Death of Amye Robsart, Engl. Hist. Review, April 1886 benutzt. Als 1892 Hume's Cal. of Spanish State Papers erschien, bemerkte Gairdner seine auf Grund der Froudeschen Ubersetzung gemachten Irrtümer und unterzog deshalb in einem im Athenaeum Februar und März 1893 erschienenen Aufsatz ‚Scandal about Queen Elisabeth einige Stellen aus dem Brief Aquilas einer kritischen Betrachtung. Hierbei kommt er zu dem wich- tigen Schluss: In den Wortenshe has just now told me drily she does not intend to marry liegt die Lösung des Rätsels. Alles hängt von dem in dem Wort now ausgedrückten Datum ab. Dasselbe bezeichnet nicht den rr. September, das Datum des Briefes, sondern einige Tage früher, aber nicht viele; an demselben Tag, an welchem Elisabeth dies zu dem spanischen Gesandten sagte, fand die Unterhaltung desselben mit Cecil statt, und am folgenden Tag äusserte sich die Königin:Lord Roberts Frau ist tot oder dem Tode nahe. jeder Leser des Briefs, meint Gairdner, würde es jetzt für durchaus vernünftig finden, dass Elisabeth diese Ankündigung am 9. oder 10. September gemacht habe, also zu einer Zeit, wo man bestimmte Nachrichten über Amys Schicksal haben konnte. Man

*) The Nineteenth Century 1882 Jackson, Amye Robsart. The Engl. Hist. Review 1886, Gairdner, The Death of Amy Robsart.