Aufsatz 
Das Ende Amy Robsarts nach dem Bericht des spanischen Gesandten Alvaro de la Quadra vom 11. Sept. 1560
Entstehung
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aber erklärte einen Tag nach Amys Tod, das Unglück sei für ihn gänzlich unerwartet und plötzlich eingetroffen. Er widerlegte somit selbst das am Hof verbreitete Gerücht von Amys schwerer Erkrankung. Thatsächlich war auch Amy Robsart damals nichts weniger als krank, sondern nach Cecils Ausserung sehr wohl. Am Sonntag dem 8. September stand sie sogar sehr früh auf und beharrte nach dem Bericht von Leicesters Vetter und Vertrauensmann Blount eigensinnig darauf, dass ihre gesamte Diener- schaft den Jahrmarkt in dem benachbarten Abingdon besuchte. Höchst merkwürdig traf es sich, dass die Frau, die in beständiger Todesfurcht lebte, gerade an dem Tag, an dem sie des Schutzes ihrer Dienerschaft entbehrte, auch starb. Man fand sie am 8. September mit gebrochenem Genick am Fuss einer Treppe.

Am folgenden Tag, dem 9. September, schickte Lord Robert seinen Vetter Blount nach Cumnor. Kurz vor Windsor stiess dieser mit dem Manne zusammen, der dem Gatten die Todesbotschaft bringen sollte, einem gewissen Bowes. Blount scheint von der Nachricht gar nicht überrascht gewesen zu sein, denn er kehrte nicht, wie man erwarten durfte, nach Windsor zurück, um sich von seinem Herrn neue Weisungen zu holen, sondern ritt bis zu dem eine Stunde von Cumnor gelegenen Abingdon, wo er übernachtete und sich erkundigte, was die Leute über den Todesfall sprächen. Leicester selbst schrieb am Abend des 9. September an Blount einen Brief, worin er ihn beauftragte, eine Jury zu berufen. Von dem Gang der gerichtlichen Untersuchung wissen wir nichts Genaueres. Nur soviel steht fest, dass Leicester und Blount mündliche und schriftliche Beziehungen mit der Jury unterhielten, und dass Leicester als Zweck der Jury die Feststellung seiner Unschuld bezeichnete. Das geschah denn auch, indem man aussprach, der Tod von Amy Robsart sei durch einen unglücklichen Zufall verursacht worden. Damit war die ganze Sache erledigt, und die Verunglückte wurde einige Tage später mit grossem Pomp in der St. Mary's Kirche in Oxford beigesetzt. Die Kosten des Begräbnisses betrugen nach einer brieflichen Angabe 2000£. Der Gatte aber wohnte der Feierlichkeit nicht bei.

Die Königin nahm das Unglück, das ihren Geliebten betroffen, sehr leicht.Sie hat den Hals gebrochen, sie muss eine Treppe heruntergestürzt sein, waren die Worte, mit denen sie sich über den Todesfall äusserte. Die schlimmen Gerüchte, die über sie und Leicester umliefen, machten ihr auch keinen Kummer. Sie tröstete sich damit, dass dieUntersuchung das Gegenteil ergab.Lord Robert, bemerkte sie,war bei Hof, und keiner seiner Diener war bei dem Unternehmen in dem Hause seiner Frau. Die Sache fiel so aus, dass weder seine Ehrbarkeit noch meine Ehre davon berührt wird.

In Wirklichkeit war die Sache jedoch höchst bedenklich für ihre und Leicesters Ehre. Die Jury, welche diesen schwierigen Fall zu untersuchen hatte, bestand nur aus Landleuten, deren Scharfsinn und Urteilsvermögen Leicester selbst nicht das beste Zeugnis ausstellt, denn er kündigte an, er werde die Angelegenheit nochmals durch eine andere angesehene Gesellschaft von rechtschaffenen Männern untersuchen lassen. Dies geschah jedoch nicht, obwohl sein und der Königin Interesse dringend eine solche gefordert hätte. Die Verwirklichung seines Königstraumes hing von der genauen zweifellosen Feststellung seiner Schuldlosigkeit ab. In ganz Europa sprach man von einer gewaltsamen Beseitigung Amy Robsarts. Um so unbegreiflicher bleibt es, dass weder er noch die Königin Schritte thaten, um die volle und ganze Wahrheit durch Einsetzung einer aus Sachverständigen, Arzten und Juristen bestehenden Kommission veröffentlichen zu lassen.

Erst lange Zeit später, im Jahr 1567, kam der Tod Amy Robsarts nochmals vor dem höchsten englischen Gerichtshof, dem Privy Council, zur Sprache, aber nicht auf Wunsch und Veranlassung, sondern gegen den Willen Leicesters. Appleyard, der Halbbruder Amys und Schwager Leicesters, war von diesem im September 1560 aufgefordert worden als Vertreter der Verwandten Amys der Untersuchung beizuwohnen. Seit dieser Zeit war Appleyard der Gegenstand ganz ausserordentlicher Begünstigungen von Seiten Leicesters. Der Staatssekretär Cecil zählte ihn im April 1566 unter die besonderen Freunde des Grafen, die dieser als Gatte Elisabeths in einseitigster Weise zu Reichtum, Amt und Ehren bringen würde. Appleyard selbst glaubte grosse Ansprüche an seinen Schwager stellen zu können, er hoffte u. a. sogar auf die Lordschaft von Wyndham. Allein, wie es scheint, gingen ihm seine Beförderungen zu langsam. Er liess sich im Jahr 1567 in Umtriebe gegen Leicester ein, die ihm dessen Ungnade zu- zogen. Spätere Versuche, sich zu rächen, schlugen fehl und brachten ihn in den Kerker. Dazu raubte ihm sein zweideutiges Benehmen die Unterstützung von Leicesters Feinden, und allein vermochte er nichts gegen den allmächtigen Höfling auszurichten. Die damalige Untersuchung vor dem Privy Council brachte merkwürdige Dinge zu Tage. Appleyard sagte aus, er habe Leicester oft zu bewegen gesucht, ihm Erlaubnis und Unterstützung zu geben, den Prozess wegen Ermordung seiner Schwester weiter- zuführen, da es nach seiner Ansicht ein Leichtes wäre, die Thäter ausfindig zu machen, zumal da gewisse Umstände zur Annahme führten, dass seine Schwester ermordet wurde. Dies Ansinnen wurde von Leicester mit der Begründung zurückgewiesen, es sei unpassend, sich noch weiter mit dieser An-