Aufsatz 
Das Ende Amy Robsarts nach dem Bericht des spanischen Gesandten Alvaro de la Quadra vom 11. Sept. 1560
Entstehung
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Das Ende Amy Robsarts nach dem Bericht des spanischen Gesandten Alvaro de la Quadra vom 11. September 1560.*) Von Dr. Ernst Bekker.

Am 11. September 1560 wurde am englischen Hof die Nachricht bekannt gemacht, Amy Robsart, die erste Frau des Grafen Leicester, sei infolge des Sturzes von einer Treppe gestorben. Dies Ereignis erregte damals nicht nur in England, sondern in ganz Europa gerechtes Aufsehen, denn das Gerücht, die unglückliche Gattin des Günstlings sei keines natürlichen Todes gestorben, tauchte sofort mit der Todesnachricht auf. Allgemein erzählte man sich von einem Verbrechen, dessen Anstifter Leicester und dessen wahrscheinliche Mitwisserin die Königin Elisabeth selbst sei. Dies Thema wurde sogar auf den Kanzeln in einer Weise erörtert, dassdie Ehre und der Dienst der Königin dabei Not litten.

Der Tod Amys war unter Verhältnissen und äusseren Umständen eingetreten, die allerdings den Verdacht eines Verbrechens zulassen. Der Graf von Leicester, damals noch Lord Robert, war seiner Gattin, einer einfachen Landedeldame, die er vor 10 Jahren geheiratet hatte, überdrüssig; sie stand seinen ehrgeizigen Plänen als Haupthindernis im Weg. Der Lord war der allmächtige Günstling und Geliebte der Königin, und es war eine allgemein bekannte Thatsache, dass er die Hand der Königin erstrebte, und dass diese seine Absichten ganz ohne Scheu und vielfach auch ohne Scham begünstigte. Der Mann, den Elisabeth in dieser unerhörten Weise bevorzugte, war verheiratet und stand bei seinen Zeitgenossen in dem denkbar schlechtesten Ruf. Die Grossen des Reiches hassten ihn tödlich, und der Gedanke, dass er König würde, war jedem Engländer unerträglich. Der spanische Gesandte Aquila nennt ihn den schlechtesten Kerl, den er jemals im Leben sah, über und über verräterisch, feig undl mutlos. Cecil, der grosse Staatssekretär Elisabeths, spricht ihm jede ritterliche Eigenschaft ab und nennt ihn nur einen Höfling. Allein Elisabeth fand Geschmack an diesem Mann und dachte auch eine zeitlang gegen den Willen ihres Volkes die Heirat mit Leicester unter dem Schutze Philipps II. von Spanien und unter Aufopferung ihres protestantischen Glaubens durchzusetzen.

Gerade zu der Zeit, in welcher Leicester für das Gelingen seines Planes alles einsetzte, hielt er seine Gattin in Cumnor, einem Herrensitz in der Nähe von Oxford. Cumnor gehörte dem Leibarzt Elisabeths, Dr. Owen. Die Frau dieses Arztes und eine Frau Odingsell, die Tante von Leicesters Pagen, Richard Vernay, waren Mitbewohnerinnen von Cumnor. Der Pächter des Landsitzes war Forster, einer der bevorzugtesten Günstlinge Leicesters. UÜber Amy selbst ist nur sehr wenig bekannt. Es liegen nur zwei Briefe von ihr vor, und diese sprechen von Haushaltungsgegenständen. Nach Aussage ihres Kammermädchens war sie eine gute, tugendhafte Edelfrau, die täglich ihr Gebet auf den Knieen zu verrichten pflegte. In Cumnor flehte sie hierbei Gott wiederholt um Erlösung aus Verzweiflung an. Sie konnte sich nicht glücklich fühlen als Gattin eines Mannes, dessen Pläne sich nur dann verwirk- lichen liessen, wenn er auf die eine oder andere Weise von ihr befreit wurde. Dabei blieb eine ge- waltsame Beseitigung fast das einzige Mittel, denn an eine Ehescheidung durch das Parlament war bei Lord Robert nicht zu denken. Aus bester Quelle wissen wir denn auch, dass sich Amy Robsart persönlich nicht sicher fühlte, und dass sie in steter Furcht vor Gift lebte. Im September des Jahres 1560 hatte man bei Hofe das Gerücht verbreitet, Amy sei bedenklich erkrankt. Die Königin selbst sprach von dieser schweren Erkrankung und dem wahrscheinlich bevorstehenden Tod der Gattin ihres Geliebten, schon ehe die Todesnachricht dem Hof offiziell angezeigt worden war. Diese Thatsache steht unzweifelhaft fest. Nicht unbedingt sicher, aber doch in hohem Gerade wahrscheinlich ist es, dass Elisabeth diese Ausserungen that, ehe die Todesnachricht überhaupt in Windsor, wo damals der Hof verweilte, anlangte. Nur Lord Robert konnte Elisabeth solche Mitteilungen gemacht haben. Dieser

*) Die vorliegende Abhandlung bildet eine Ergänzung zuElisabeth und Leicester, Beiträge zur Geschichte Englands in den Jahren 1560 bis 1562 von Dr. Ernst Bekker, Giessener Studien auf dem Gebiet der Geschichte V., Giessen, J. Rickersche Buchhandlung. 18900.