Aufsatz 
Vergleichende Grammatik : und ihre Verwertung für den neusprachlichen Unterricht an höheren Lehranstalten, zunächst auf dem Gebiete des Französischen / von H. Behne
Entstehung
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Antere Stufe. A. Lautlehre.

Schon in der erſten Stunde mag der Lehrer Veranlaſſung nehmen, den Schülern zu eröffnen, daß die franzöſiſche Sprache mit ihren Schweſterſprachen, der italieniſchen, ſpaniſchen, portugieſiſchen, welche insgeſammt den Namen derromaniſchen tragen, von der lateiniſchen als ihrer gemeinſamen Mutter abſtammt; daß dieſe Mutter aber weniger das klaſſiſche Latein als vielmehr die römiſche Volksſprache iſt; daß dieſes Volkslatein(lingua rustica) zum Teil ſchon bis in die Zeit Cäſars hinaufreicht, im Laufe der Kaiſerzeit, inſonderheit in Folge des immer mächtiger werdenden Einfluſſes des Heeres, ſowie des immer weiter ſich verbreitenden allgemeinen Verkehrs der zahlreichen Völker mit Rom ſich immer mehr Geltung verſchafft, vom klaſſiſchen Latein der gebildeten römiſchen Welt ſich beſonders durch Abſchwächung der Endungen und Unterdrückung tonloſer Vokale und Silben im Inlaut der Wörter entfernt und ſich nach der Völkerwanderung oder richtiger um die Zeit der erſten Karolinger zur ächten franzöſiſchen Sprache geſtaltet, aber noch manchen Entwicklungsprozeß durchmachen muß, bis ſie ſeit dem 16. Jahrhundert die gegenwärtige Form angenommen hat. Dem möge noch hinzugefügt werden, daß neben der auf der lat. Volksſprache gegründeten ächten franzöſ. Sprache ſpäter im 16. Jahrh. durch die Gelehrten in voller Regelloſigkeit und Willkühr und ohne Kenntnis der Bildungsgeſetze, auf denen die Sprache baſiert, aus dem Italieniſchen, Spaniſchen, beſonders aber dem Lateiniſchen und Griechiſchen eine große Menge Wörter in die franzöſ. Sprache hineingeworfen wurden zum Schaden ihrer Einfachheit und Schönheit. Es möge dazu ferner angeführt werden, daß das hauptſächlichſte Erkennungszeichen, ob ein Wort der Erfindung der Gelehrten oder der alten römiſchen Volksſprache ſeinen Urſprung verdanke, die Stellung des Accents iſt(der betonten Silbe bei der Ausſprache), welche in allen Wörtern reinen Urſprungs aus der römiſchen Volksſprache genau die auch in der römiſchen Sprache den Accent tragende Silbe bewahrt, während ſolches in den von den Gelehrten des 16. Jahrh. importierten Wörtern nicht der Fall iſt(wie denn letztere auch durch das Fehlen der Contraktion im Inlaut ſich von den aus dem Volkslatein entſtandenen Wörtern unterſcheiden). Als Belege für obige Thatſache mögen unter zahlreichen andern folgende Wörter dienen (aus Brachet entnommen):

lat. volksmäßig gelehrten Urſprungs: Exämen essaim examén Débitum détte débit Angelus änge angelus Möbilis meüble mobile Pörticus pörche portique u. ſ. w.

Die Verſchiedenheit der franz. Sprache vom Lateiniſchen beſonders in ihren Endungen und im Inlaut iſt mehr nur ſcheinbar nnd verhüllt hier nur leicht, dort dichter die alte nahe Verwandtſchaft mit der Urſprache, welche vermittelſt verſchiedener Bildungs⸗(und Laut⸗) geſetze, die den Entwickelungsgang des franzöſ. Wortbildes zeigen, erkannt wird. Mit der Lautlehre beginnt naturgemäß der elementare Teil der franzöſ. Grammatiken; nur die Ordnung iſt eine verſchiedene. So beginnt Plötz in ſeiner Elementargrammatik ſchon in der 6. Lektion mit den Hülfsverben, wogegen Steinbart neben der Lehre von den Lauten die Deklination, einige Adjectiva und Präpoſitionen vorführt und in der 11. Lektion mit den Hülfsverben beginnt. Wie dem auch ſein mag, es finden ſich unter den als Vokabeln aufgeführten Wörtern ſchon genug, um an ihnen ein erſtes wichtiges Bildungsgeſetz zur Anſchauung zu bringen: daß die franz. Sprache nämlich die Neigung hat, das aus dem Lateiniſchen überkommene Wort zu kürzen und zwar zunächſt am Ende(im Auslaut; Apokope), was beiſpielsweiſe folgende