Aufsatz 
Vergleichende Grammatik : und ihre Verwertung für den neusprachlichen Unterricht an höheren Lehranstalten, zunächst auf dem Gebiete des Französischen / von H. Behne
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Ich möchte aber, bevor ich zum ſachlichen Teile meines Aufſatzes übergehe, um der möglicherweiſe auftauchenden irrigen Meinung, als ob ich von der Grammatik allein alles Heil der Welt für das Sprach⸗ ſtudium erwartete, nur in Kürze hier noch bemerken, daß ja ſelbſtverſtändlich Lektüre und Grammatik ſich in ihrer Arbeit der Art zu teilen haben, daß erſtere, auf der unteren Stufe der Grammatik den Vorrang laſſend, auf der mittleren ſie in gleichem Schritte begleitend, auf der oberen faſt ausſchließlich herrſchend, ein gutes Teil des grammatiſchen Unterrichts zum Zweck der Repetition, weiterer Feſtlegung an der Hand zahlreicher konkreter Beiſpiele oder auch behufs ſelbſtändiger Erledigung gewiſſer an der Lektüre am beſten klarzuſtellender Partien der Grammatik, inſonderheit etymologiſcher, ſynonymer u. ſ. w. Verhältniſſe zu übernehmen hat. Nur wo beide, einander ergänzend, zuſammenwirken, wird zum praktiſchen auch der ideale Gewinn ſich einſtellen.

Es war anfänglich meine Abſicht geweſen, beide Sprachen, die franzöſiſche und die engliſche in Anſehung der auf ſie anzuwendenden komparativen Methode zum Gegenſtande der Erörterung in dieſem Aufſatze zu machen, erkannte aber bald, daß Zeit und Raum, mir für dieſe Arbeit geſtellt, nicht entfernt zur Durchführung der Aufgabe ausreichen würden. So ſah ich mich denn genötigt, die franzöſiſche Sprache allein für beſagten Zweck heranzuziehen und hielt es überdies für angemeſſen, innerhalb derſelben mich nicht über ſämmtliche Abſchnitte der Grammatik, ſondern nur über die wichtigeren zu verbreiten, da es lediglich darauf ankommt, Weſen und Zweck der Methode zur Anſchauung zu bringen.

Es fragt ſich zunächſt, wann dievergleichende Grammatik im Unterricht aufzutreten habe. Ich ſtimme der Anſicht Kühnaſt's bei, daß dies, wenn auch nicht von den erſten Lektionen, ſo doch vom erſten Jahre an geſchehen muß. Dabei aber darf nicht außer Acht gelaſſen werden, daß, da die für den geſammten franzöſiſchen Unterricht nötige Zeit ſich in 3 Stufen zerlegt, nämlich die untere (Gymnaſial⸗Quarta oder Real⸗Quinta bis Unter⸗Tertia), die mittlere(Gymnaſial⸗Tertia oder Real⸗ Ober⸗Tertia bis Unter⸗Secunda), die obere(Gymnaſial⸗Secunda oder Real⸗Ober⸗Secunda und Unter⸗ Prima), die erſtere aber die geſammte Formenlehre, welche für die erſte Zeit das wichtige Kapitel der Ausſprache mit einſchließt, zu abſolvieren hat, auf dieſer Stufe, wo das Wort und ſeine Structur dem Auge und Ohre der Schüler fortwährend nahezubringen iſt, und die Deklination, die Feminin⸗ bildung, die Konjugation mit ihren Tempusendungen ihrem Verſtändnis und Gedächtnis zum unverlier⸗ baren Eigentum gemacht werden ſollen: dievergleichende Grammatik hier faſt ausſchließlich vorerſt nur alshiſtoriſche Grammatik auftreten kann, durch welche für das Verſtändnis der Bildung des Wortes, namentlich aber der Endungen, ganz allmählich, mit den einfachſten Vorgängen beginnend, wichtige Lautgeſetze dem Schüler vorgeführt werden ſollen, welche ſtufenweiſe ſich mehrend, ihm einen Einblick zu geben haben in den Entwicklungsprozeß des Wortes. Nach meinem Dafürhalten iſt es aber früh genug, wenn ſie in Anknüpfung an die grammatiſche Lektion mit dem 2. Halbjahre eintritt, da die Zeit des 1. Halbjahrs den erſten Uebungen reſerviert bleiben muß, die nothwendig ſind, um den Schüler mit Form und Klang des neuſprachlichen Wortbildes einigermaßen vertraut zu machen. In Rückſicht auf die ſo⸗ eben gegebenen Hinweiſe aber wird es wohl kaum nötig ſein, darauf aufmerkſam zu machen, daß die hiſtoriſche Rückſichtnahme der grammatiſchen Betrachtung nur zum geringeren Teile vergleichend ſein kann, ja in ihrer die Entwickelung des Wortes in Bezug auf Endung, äußere und innere Wandlungen, Suffixe, Präfixe u. dgl. ihrer Betrachtung unterwerfenden Thätigkeit vielmehr für die mittlere und obere Stufe geeignet erſcheint. Wenn ich nun, die Notwendigkeit, den Schüler mit den wichtigſten Laut⸗ und Bildungs⸗ geſetzen der franzöſiſchen Sprache bekannt zu machen, anerkennend, es immerhin als wünſchenswert erachte, daß der Anfang damit, wenn auch in der beſcheidenſten Form, ſchon auf der untern Stufe gemacht werde, ſo erſcheint es mir andererſeits ohne Zweifel geboten, das Altfranzöſiſche möglichſt aus dem Spiele zu laſſen und nur da Rückſicht darauf zu nehmen, wo es eben nicht gut umgangen werden kann. Die ver⸗ gleichende Grammatik ſoll eben ganz und voll dem neufranzöſiſchen Sprachunterricht dienen und bemüht ſein, rein praktiſche Vorteile zu bieten, Wort⸗ und Satzlehre in den Kreis ihrer Betrachtung ziehen und den Cha⸗ rakter des franzöſiſchen Sprachgeiſtes in der Vergleichung mit dem Altklaſſiſchen in möglichſt klares Licht ſtellen.