— 17—
„Die Idee der Menſchheit iſt nicht am Individuum zu realiſiren; man muß ſtets auch die künf⸗ tige Stellung des Zöglings berückſichtigen, nicht im Einzelnen und Beſondern, wohl aber im Ganzen und Allgemeinen, nicht ſo, daß man den beſondern Beruf ins Auge faſſe und den Knaben oder Jüng⸗ ling dazu heranbilde, wohl aber, daß man die Gattung des Berufes und den geſellſchaftlichen Kreis, in dem ſich der Zögling dermaleinſt bewegen wird, in Betrachtung zieht. Man deute dieſe Worte nicht ſo, als wollte ich eine beſondere Standeserziehung eingeführt ſehen, als wollte ich die factiſch beſtehenden Standesunterſchiede durch eine ſolche getrennte Erziehungsweiſe auch in der Idee feſthalten und einen Kaſtengeiſt in den jungen Geſchlechtern erwecken! Ein ſolcher Gedanken liegt Niemanden ferner als mir. Es gibt gewiſſe Lehrzweige, die allen Schulen gemeinſam ſein müſſen, weil das Seelen⸗ und Geiſtesleben ohne ſie nicht beſtehen kann; es gibt aber auch Unterrichtszweige, die je nach der künftigen Beſtimmung des Zöglings mehr oder weniger gepflegt und bevorzugt werden können: und nur von dieſen letztern kann die Rede ſein, wenn eine Berückſichtigung des Standes und Berufs bei der Erziehung verlangt wird.;
„Faſſen wir nach dieſen allgemeinen Bemerkungen die höhern Bürgerſchulen näher ins Auge, ſo wird die Heranbildung der bürgerlichen Jugend zu einem brauchbaren Gliede des handel⸗ und gewerbtreibenden Mittelſtandes ſich als Ziel darbieten. Dieſes Ziel wird die Schule auf zwiefache Weiſe erreichen, einmal indem ſie den Geiſt fähig macht, die Ver⸗ hältniſſe der Gegenwart im Großen und Allgemeinen zu begreifen und zu würdigen und dadurch den Bürger in Stand ſetzt, ſeine eigene Stellung zu verſtehen und ſeine Pflichten und Rechte, ſeine Aufgabe und ſein Strebeziel richtig zu erfaſſen; und zweitens dadurch, daß ſie der bürgerlichen Jugend die Kenntniſſe und Fertigkeiten beibringt, mittelſt welcher dieſelbe ihrer practiſchen Beſtim⸗ mung gewachſen erſcheint. Dem erſtern Zweck wird die Schule entſprechen, wenn ſie Geſchichte und Geographie in umfaſſenderer Weiſe behandelt und auf die Mutterſprache und die vaterlän⸗ diſche Literatur eine höhere Bedeutung legt; die zweite Aufgabe wird ſie löſen, wenn ſie der Ju⸗ gend das weite Gebiet des Naturreichs und deſſen enge Verbindung mit der menſchlichen Induſtrie erſchließt; wenn ſie dieſelbe in Stand ſetzt, ſich der Vortheile zu bedienen, welche die Mathematik und die Rechenkunſt in allen Beziehungen und Verhältniſſen des bürgerlichen Lebens gewähren; wenn ſie derſelben Gelegenheit verſchafft, durch Erlernung neuerer Sprachen an dem Weltverkehr der Gegenwart Theil zu nehmen; wenn ſie ihr durch erweiterten Zeichnungsunterricht die Mögllichkeit bietet, dem innern Schaffen durch äußere Zeichen zu Hülfe zu kommen und den Form⸗ und Schönheits⸗ ſinn auszubilden. Löſt die höhere Bürgerſchule dieſe doppelte Aufgabe, ſo erzieht ſie in der ihr anver⸗ trauten Jugend dem Staate und dem Gemeindeweſen einſichtsvolle und patriotiſche Bürger, welche der wachſenden Bedeutung der bürgerlichen Elemente im geſammten öffentlichen Leben genügen werden, und dem geſellſchaftlichen und induſtriellen Leben nützliche Glieder. Der blühende Zuſtand des Real⸗ und höheren Bürgerſchulweſens in irgend einem Lande kann daher ſtets als Be⸗ weis eines blühenden und aufgeklärten Bürgerſtandes und eines regſamen und wohlhabenden Handels⸗ und Gewerbſtandes dienen. Die Gegner der letzteren werden auch ſtets jene verdächtigen und verunglimpfen!“
„Mögen dieſe kurzen Andeutungen“, ſagt Dr. Weber,„dazu dienen, in der Bürgerſchaft Heidelbergs das Intereſſe für die Bildungsanſtalten des Mittelſtandes zu beleben und zu ſtärken; mö⸗ gen ſie dazu beitragen, in dem Gleichgültigen und Saunſeligen die Einſicht zu erwecken, daß nichts mehr das Emporkommen des gewerb⸗ und handeltreibenden Bürgers hindert als der Schlendrian, das Feſthalten am Herkömmlichen und Gewohnten, das ſchlaffe und träge Stilleſtehen in einer Welt der Bewegung und Regſamkeit.“
Unter den Schülern, welche, beanlagt für realiſtiſche Bildung, für das practiſche Leben ſich ausbilden wollen, ſind nun offenbar diejenigen die bevorzugten, welchen ein freundliches Geſchick auch ſo viel Beſitz gewährt hat, daß ſie, nachdem ſie ihre Ausbildung bis zum wünſchenswerthen Ziele fortge⸗ ſetzt, im geſchäftlichen Leben eigene Unternehmungen wagen können. Den Realſchulen gehören aber auch ſtrebſame Schüler an, welche ſolche Ausſichten nicht haben. Offenbar iſt es für viele derſelben wünſchenswerth, Bahnen einſchlagen zu können, in welchen ſie, auch ohne Vermögen zu beſitzen, eine lohnende und befriedigende Stellung erringen können. Oft entſprechen nun aber die Neigungen und Anlagen des Realſchülers nicht den für dieſelben eröffneten Lebensbahnen; es gibt z. B. ſehr tüchtige


