Aufsatz 
Hoffnungen und Bestrebungen der Realschulen des Großherzogtums Hessen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

künftigen Angehörigen der höheren gewerblichen Stände, ſo müſſen alle dieſe Uebungen nicht nur an Umfang, Vertiefung und Schwierigkeit gewinnen; es wird auch zu bedenken ſein, daß es nicht nur die phyſicaliſchen und chemiſchen, ſondern vor allem auch die menſchlichen Kräfte ſind, welche für die ſpäteren Zwecke in Thätigkeit geſetzt werden ſollen, da ja die höheren Practiker nicht, oder wenigſtens nicht ausſchließlich ſelbſt als ausführende Arbeiter wirken, ſondern ihre Unternehmungen mehr oder we⸗ niger durch andre ausführen laſſen. Sie ſind die Leitenden zunächſt im Geſchäfte, in den Fabri⸗ ken, in den Werkſtätten, im Comptoir und auf den Handelsplätzen; aber eben darum haben ſie auch eine ähnliche Stellung neben den gelehrten Ständen in der Geſellſchaft, in der Gemeinde und ſelbſt im Staate. Das Wohl und Wehe der Arbeiter, für welche ſie Arbeitgeber ſind, hängt, wie von ihrer Tüchtigkeit im Geſchäfte, ſo namentlich auch von ihrer ſittlichen Lebensan⸗ ſchauung, von ihrer humanen Bildung ab; ſie beſtimmen die Höhe, zu welcher, und den Geiſt, in welchem Handel, Induſtrie, Technik ſich in der Nation entwickeln; ſie ſollen die Bollwerke gegen das Eindringen des Materialismus und der bloßen Gewinnſucht ſein; ſie ſind, wenn ſie ihre Stellung rich⸗ tig zu erfaſſen vermögen, die natürlichen Träger des Vertrauens für die große Menge, welche den ge⸗ werblichen Ständen angehört. Dieſes Vertrauen ruft ſie in die Gemeindebehörden, in die Schul⸗ und Kirchenvorſtände und in die Abgeordnetenhäuſer. Die Unabhängigkeit ihrer Stellung ſichert ihnen den Platz in den Geſchwornengerichten, und der Staat erkennt in ihnen nicht nur die practiſchen Berather in Angelegenheiten des Handels und der Induſtrie, ſondern auch die wirkſamſten Hebel der allgemeinen Geſittung und Bildung. Aber die Realſchule bildet nicht nur diejenigen, welche ſpäter größere gewerbliche Unternehmungen leiten, ſie erzieht nicht nur ſolche, welche die natürlichen Führer der bürgerlichen Lebenskreiſe zu werden, beſtimmte Ausſicht haben, ſondern in Städten von weniger als 15000 20000 Einwohnern, welche nicht im Stande ſind, auch Schulen mittlerer Qualität zu gründen, welche zwiſchen den höheren Lehranſtalten und den Volksſchulen ſtehen, wird die Realſchule je nach localen Verhältniſſen zugleich die Aufgabe einer ſolchen Mittel⸗ ſchule haben; aus ihr werden Kräfte hervorgehen, die im Comptoir, in Fabriken und Werkſtätten die Unternehmer durch ihre Dienſtleiſtungen unterſtützen, ebenſo der ſtrebſame und intelligentere Mei⸗ ſter der Gewerke und auch der Landwirth, welcher ſich befähigen will, ſeinen Acker in rationeller Weiſe zu bauen, und der es für möglich und geziemend hält, daß er ſich in ſeinem geſunden Berufe auch allgemeine und geiſtige Intereſſen wach erhält. Und wohl dem Sohne einfacher Verhältniſſe, welcher die Neigung und die geiſtige Kraft beſitzt, mindeſtens bis in das 17. Lebensjahr in einer Realſchule der angedeuteten Art für ſeinen einfachen bürgerlichen Lebensberuf ſich vorzubereiten. Wohl dem vermögen⸗ deren Landmann, der bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres eine höhere Schule beſuchte und dann mit eigner Hand gern den Pflug führt. Wir kennen ſolche Männer, die wir hochſchätzen und faſt beneiden..

Dr. G. Weber, Director der höheren Bürgerſchule zu Heidelberg, hebt im Programm ſeiner Anſtalt vom Herbſt 1870 die bedeutendſte Aufgabe der Realſchulen, Bildungsſchulen für den Bürger⸗ ſtand zu ſein, mit folgenden Worten hervor, die hier eine Stelle finden mögen, weil ſie auch für uns in Alzey allezeit Geltung haben ſollen.Für diejenigen Staatsglieder, die in allen Culturſtaaten zwiſchen den Gelehrten⸗Stand und die arbeitenden Claſſen treten, und die man vorzugsweiſe den Bür⸗ gerſtand nennt, wird ein Erziehungsgang erforderlich ſein, der weder den weiten Weg durch die claſ⸗ ſiſchen Sprachen zu nehmen braucht, noch bei den Elementen ſtehen bleiben darf, die den Lehrſtoff der Volksſchule bilden. Zur Erreichung dieſer bürgerlichen Bildung hat man nun ſolche mittlere Schulen gegründet, die unter dem Namen Realgymnaſien, Realſchulen und höhere Bürgerſchulen nunmehr faſt in allen Städten des deutſchen Vaterlandes in größerer oder geringerer Ausdehnung be⸗ ſtehen.Dieſe Gattung von Mittelſchulen könnte erſt dann überflüſſig erſcheinen, wenn der factiſche Unterſchied zwiſchen dem Mittelſtand und der arbeitenden Volksclaſſe aufhörte, wenn die Bürgerbildung wieder zu dem Niveau der Volksſchule herabgerückt würde. Dies möchte aber nur geſchehen, wenn ent⸗ weder der vierte Stand die Herrſchaft erhielte und jede höhere Bildung gewaltſam vernichtete oder wenn eine engherzige ariſtokratiſch⸗clericale Reactionspartei auf die Dauer ſolchen Einfluß auf die Geſtaltung der öffentlichen Verhältniſſe gewinnen würde, daß ſie den Mittelſtand wieder mit der arbeitenden Claſſe zu einem dienſtbaren dritten Stande verſchmelzen könnte. Vor beiden Uebeln möge die Vorſehung das deutſche Volk bewahren! 1 22