Aufsatz 
Hoffnungen und Bestrebungen der Realschulen des Großherzogtums Hessen
Entstehung
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haben ſich nun die Lehrſtoffe für die höhere Bildung überaus vermehrt, und zwar ſo ſehr, daß man oft beinahe gezweifelt hat, ob es möglich ſei, alle dieſe Stoffe gründlich und bis zu dem gewünſchten Ziele mitzutheilen. Während es früher genügte, die lateiniſche und griechiſche Sprache und die mit die⸗ ſen Sprachen verbundene Geſchichte des Alterthuns zu kennen, ſo ſind in neuerer Zeit die deutſche, eng⸗ liſche und franzöſiſche Sprache hinzugetreten; außerdem hat ſich das unermeßliche Reich der Natur auf⸗ gethan, zu deſſen gründlichem Verſtändniß die mathematiſchen Wiſſenſchaften erfordert werden. Dieſe zu⸗ letzt genannten Gegenſtände wollen nicht als fremdartige Eindringlinge betrachtet und als Nebenſachen halb abgewieſen werden; nein, ſie verlangen eine gleiche Berechtigung, theilweiſe ſogar eine Bevorzugung. Die neue Zeit fordert von allen Gelehrten nicht nur Gelehrſamkeit, ſondern vor Allem Bildung; und dieſe Bildung iſt die Bildung der Neuzeit. Die Bildungsſtoffe der Neuzeit müſſen demgemäß im Vor⸗ dergrunde ſtehen, und das ſind die neueren Sprachen, und unter dieſen voran die eigne Mutterſprache.*) Unſre Anſtalt, ſagt weiter Zille,will durchaus nicht das Alterthum und ſeine Sprachen vernach⸗ läſſigen und als Nebenſachen für den Gelehrten behandeln; nein, ſie will auch ein Gymnaſium ſein. Ihre den Univerſitätsſtudien ſich widmenden Schüler ſollen den Tubaſchall des weltbeherrſchenden Roms aus Cicero's beredtem Munde vernehmen und mit hoher Geiſtesluſt hymettiſchen Honig genießen. Wie uns Jeruſalem als Mutterſtadt unſrer Religion, ſo iſt uns auch Athen als Mutterſtadt der Kunſt und Wiſſenſchaft heilig, und ebenſo ehren wir Rom als die Stadt, welche uns alle drei Himmelsgaben über⸗ bracht hat. Man kann Zille's Idee der Verſöhnung und Vereinigung der ſo oft ſich befehdenden Bildungsrichtungen werth ſchätzen, ohne ſeinen Unterrichtsplan zu übernehmen, nach welchem vom 8. bis 10. Jahre vorwiegend das Deutſche, vom 10. bis 12. Jahre vorwiegend die engliſche, vom 12. bis 14. Jahre die franzöſiſche Sprache, zuletzt Lateiniſch und Griechiſch, jedes 2 Jahre lang, als Hauptſache maſſenweiſe betrieben werden, indem allezeit die vorangehende Sprache fortgeführt wird. Die Organiſation unſrer Anſtalt gibt die herkömmliche Vertheilung des Unterrichts auf Jahrescurſe und Wochen nicht auf, nä⸗ hert ſich aber der Zille'ſchen Auffaſſung, da die Grundrichtung unſres Unterrichts modern⸗relliſtiſch iſt, von dieſer Grundlage aus von den Gymnaſialſchülern die alten Sprachen in Angriff genommen werden, ſo daß dieſe Schüler, wenn ſie in das vollſtändige Gymnaſium eingetreten ſind, da ſie alsdann in Ma⸗ thematik, Phyſik und im Franzöſiſchen einen Vorſprung gewonnen haben, Zeit zum Betreiben der Chemie und des Engliſchen finden. Auch aus dem zuletzt Geſagten erhellt, wie wir uns einen vortheilhaften Einfluß gymnaſialer Beſtrebungen auf das realiſtiſche Unterrichtsweſen denken: eine Verbindung beider Richtungen für diejenigen, welche die Gaben dazu haben und deren Familien ſolches zu würdigen ver⸗ ſtehen, ehren und wünſchen; für alle andren eine ſpecifiſch modern realiſtiſche Bildung! Da Schüler bei⸗ der Richtungen neben oder mit einander unterrichtet werden, ſo wird ihnen diejenige Toleranz gegen das ihnen Heterogene anerzogen, welche veranlaßt, daß einer gern vom andern lernt. Welcher Gewinn würde der menſchlichen Geſellſchaft, wenn zwiſchen den Gegenſätzeu des ideellen und practiſchen Lebens jene Kunſt der Vermittlung obſiegen würde, welche in den Parteien des Glaubens und Denkens, des Wol⸗ lens und Handelns nur die zu verſöhnenden und zu idealiſirenden Elemente ächt menſchlichen Lebens er⸗ blicken wollte. Solches Thun iſt ächt philoſophiſch und ſehr practiſch. Da aber philoſophiſche Geſtal⸗ tung des Lebens und der Erziehung, welche der Gegenwart ſo ſehr noth thut, weit eher aus einer Be⸗ ſchäftigung mit den Alten, als aus der Behandlung der realiſtiſchen Wiſſenszweige reſultiren wird, ſo halten wir auch aus dieſem Grunde die humaniſtiſchen Studien für einen Segen für eine Realſchule. Wir ſehen aus allen angeführten Gründen in der Förderung unſres Progymnaſiums zugleich eine För⸗ derung unſrer geſammten Anſtalt, insbeſondere aber ein Ankämpfen gegen das unwürdige Utilitätsprin⸗ cip, welchem viele Realſchulen in unſrer Zeit immer noch zu viel zu dienen haben.

Sagt man jetzt:Die Realſchulen des Großherzogthums Heſſen bereiten für das practiſche Leben, für den einjährigen Dienſt, den Poſtdienſt und das Polytechnicum in Darmſtadt vor, ſo wurzeln wir noch tief im Utilitätsprincip. Wenn aber die Großh. heſſiſche Regierung und die Centralgewalt unſrem Progymnaſium die oben beſprochene erweiterte Berechtigung verleihen würden, ſo würde in un⸗ ſrer Anſtalt die humaniſtiſche Auffaſſung des Realſchulweſens gefördert, die Intereſſen des practiſchen Lebens aber würden in keiner Beziehung vernachläſſigt, ſondern nur mit größerer Vielſeitigkeit gepflegt, vielleicht ſogar vertieft und veredelt. Die entſcheidenden Behörden könnten ſogar

*) Die Zeit iſt nahe, in der das Engliſche obli atoriſcher Unterrichtsgegenſtand des Gymnaſiums wird⸗