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früher von ihr vertretenen Anſichten eine ſehr vortheilhafte Stellung zu den im Augenblicke in deuiſchen Landen discutirten Realſchulfragen eingenommen hat. Wenn uns dann zugegeben werden ſollte, daß wir mit aller Sorgfalt überlegen, wie gerade unſer Realſchulweſen zu einer höheren Stellung und einer durchgreifenderen Wirkſamkeit gelangen könne, ſo werden wir wohl keine Anfechtungen zu erwarten haben, wenn wir an einen vortheilhaften Einfluß gymnaſialer Beſtrebungen auf das realiſtiſche Unterrichtsweſen einer Anſtalt, welche realiſtiſchen und gymnaſialen Unterricht in ſich vereinigt, zu denken wagen.
3 Es iſt bekannt, daß viele heſſiſchen Candidaten des höheren Schulamts, Philologen und Ma⸗ thematiker, nachdem ſie vor der wiſſenſchaftlichen Prüfungscommiſſion zu Gießen das Staatsexamen be⸗ ſtanden, auswärts, meiſt in Norddeutſchland, insbeſondere in Preußen, an öffentlichen Lehranſtalten Stellen annehmen. Nach unſren Erfahrungen und zuverläſſigen Mittheilungen tragen viele dieſer Can⸗ didaten, welche auswärts auf raſches Fortkommen rechnen, beſonders Philologen, Bedenken, proviſoriſche oder definitive Stellungen an kleineren oder größeren Realſchulen unſres Landes anzunehmen, weil ihnen die Richtung, der Wirkungskreis, die äußeren Verhältniſſe, die inneren Einrichtungen derſelben weniger zuſagen. Daß Philologen ſo denken, iſt um ſo mehr zu bedauern, als die Realſchule nicht darauf ver⸗ zichten kann, in ihrer Weiſe mit wahrem Verſtändniß auch in das Leben des Alterthums einzuführen und auch gewiſſe Erzeugniſſe der deutſchen Literatur nach ihren Vorbildern, den Alten, zu erklären. Und gerade weil die Realſchule für Lebenskreiſe heranbildet, welchen die Betrachtung des Alterthums ſchon ferner liegt, muß ſie mit beſonderem Geſchicke die Blicke der Jugend auf jene Welt richten, in welcher nicht nur gewiſſe Quellen unſrer claſſiſchen Literatur zu ſuchen ſind, ſondern auch ebenſo naturgemäße, wie maßvolle politiſche Ueberzeugungen, religiöſe Anregungen und Geſchmack an edelſter Kunſt gewonnen werden können. Daß für dieſen Unterricht im Allgemeinen beſonders diejenigen werden geeignet ſein, deren eigentlicher Beruf die Erkenntniß des Alterthums iſt, dürfte wohl nicht in Zweifel zu ziehen ſein; und wenn nun die gymnaſialen Beſtrebungen, welche eine realiſtiſche Lehranſtalt mit ſich zu verbinden weiß, derſelben philologiſch, philoſophiſch und äſthetiſch gebildete Lehrer zuführen, ſo kann man wohl ſchon in dieſer Beziehung von einem vortheilhaften Einfluß gymnaſialer Beſtrebungen auf das realiſtiſche Unterrichtsweſen einer beide Richtungen vertretenden Anſtalt ſprechen. Unſer Collegium verdankt etliche Mitglieder nur dem Unſtande, daß unſre Anſtalt keine einſeitig realiſtiſche iſt. Daß aber an einer An⸗ ſtalt von der Zuſammenſetzung der Lehrercollegien mehr abhängt, als von geſchriebenen oder gedruckten Unterrichts⸗ und Prüfungsordnungen, wer vermöchte dies zu beſtreiten? 1G
Aber auch der Begriff der allgemeinen Bildung, welche die höhere Schule vermittelt, kann nur gewinnen, wenn bei der friedlichen Verbindung realiſtiſcher und gymnaſialer Studien die beiden Rich⸗ tungen höherer Jugendbildung einander achten und ehren lernen, wenn in Folge deſſen jedes Object des Unterrichts, ſei es ein ſpecifiſch realiſtiſches oder ein gymnaſiales oder ein beiden Bildungsgängen ge⸗ meinſames, ſtets vorwiegend als Mittel der Veredlung des Herzens, der Durchbildung des Verſtandes, der Kräftigung und Vertiefung des Willens, d. i. nach ſeiner allgemein erziehlichen Bedeutung aufge⸗ faßt wird. Und je mehr in den höheren Schulen ein nicht einſeitiges Wiſſen geehrt und die Erzie⸗ hung als Hauptaufgabe angeſehen wird, wird auch der Streit über die Wahl der Unterrichtsobjects allmählich verſtummen. Der gebildete deutſche Bürger, welcher Leſſing, Göthe und Schiller nicht für veraltet anzuſehen vermag, und von den ewig ſprudelnden Quellen derſelben etwas weiß, will ſeinem Sohne die Bekanntſchaft mit den Alten nicht vorenthalten; der Studirende dagegen wird die frühere Einſeitigkeit der Gelehrtenſchule, welche groß that mit der Vernachläſſigung der Naturwiſſenſchaft, ver⸗ werfen. So gleichen ſich die Gegenſätze aus, und es kommt eine Zeit, in der Deutſchland neben philolo⸗ giſchen und techniſchen Fachſchulen im weſentlichen eine Art allgemeiner Schulbildung haben wird, ſo gewiß ſein Geiſtesleben aus einer Quelle hervorquillt und einer nationalen Bildung zuſtrebt. Dieſe Idee iſt es, welche z. B. Director Dr. M. Zille in Leipzig zu verwirklichen ſich beſtrebt in dem modernen Ge⸗ ſammtgymnaſium. Er ſagt:„Die größte Reform hat die Zukunft darin zu vollenden, daß ſie die Unterrichtsſtoffe und Unterrichtsanſtalten zu einem organiſchen Ganzen glie⸗ dert.“ Im Einzelnen ſagt Zille:„Lehrer und Schüler ſind abhängig(*) von dem Stoffe, der ge⸗ lehrt wird. Demgemäß hat der Lehrgegenſtand die Oberherrſchaft(?); bei allem Lehren handelt es ſich vor Allem darum: was ſoll gelehrt werden? und zweitens: wie ſoll gelehrt werden? Zunächſt alſo muß beſtimmt und ausgewählt werden, was gelehrt werden ſoll. In der neuen fortgeſchrittenen Zeit


