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Schule einmal werden müſſe, und fragen wir, welche Lebensbahnen unſren Schülern zu eröffnen, ernſteſte Pflichterfüllung uns mahnt: ſo müſſen wir die fernere Entwickelung unſrer geſammten Anſtalt in der Beziehung derſelben zum Syſtem des heſſiſchen höheren Schulweſens, die Zukunft unſrer Realſchule ins⸗ befon dere nicht ohne Berückſichtigung der auf dem Gebiete des deutſchen Realſchulweſens hervortretenden Bewegungen zu begreifen ſuchen.
Wenn allezeit der Menſch in der geſicherten Verwirklichung des Beſſeren ſeine Lebens⸗ aufgabe zu erblicken hat, ſo wird er, um Enttäuſchungen ſich zu erſparen, gut daran thun, wenn er vor Allem in der Wirklichkeit der ihn umgebenden Verhältniſſe die Umſtände ſich klar macht, welche der Verwirklichung eines berechtigten, in anderen Verhältniſſen vielleicht bereits ſiegreichen Gedankens im Wege ſtehen. Gilt doch von der Idealiſirung des erziehenden Unterrichts, einem Theile der durch wirkliche That ſich bewährenden Philoſophie, genau dasſelbe, was Leopold Schmid von der Philoſo⸗ phie im Allgemeinen ſagt:„Gerade weil die Philoſophie“— ebenſo die zu ihrer Idee ſich emporringende Erziehung und deren ſyſtematiſche Begründung, die Pädagogik—„des Reellen und Poſitiven nach allen Seiten hin bedarf, ſo muß ſie, ſo oft dasſelbe ſeiner Aufgabe untreu wird, ihm ſeine wahre Idee vorhalten und negativ erſcheinen. Dieſe Negativität gegen alles Unreine, Fremdartige, Störende, was das Poſitive und Reelle an ſich anſetzt oder anſetzen läßt, beſitzt der philoſophiſche?— und der erziehende—„Geiſt nur vermittelſt der negativen Schärfe gegen ſich ſelbſt, vermöge welcher die Philo⸗ ſophie wie in einem heiligen Feuer fortwährend all das verzehrt, was ſich Krankhaftes, Unlauteres und Gottloſes in ihr“— wie auch innerhalb und außerhalb des Schulweſens—„aufthut.“ Es ſoll alſo auch die von der Idee der Selbſterziehung zu wahrer Menſchlichkeit erfaßte Pädagogik und die von dieſer zu⸗ meiſt beherrſchte Geſtaltung eines kleineren oder größeren Schulweſens vor Allem negiren, was mitten in der lebendigen Praxis des Schullebens den Beſtrebuugen einer nicht einſeitigen, innerlichen und da⸗ durch wahrhaft freien Bildung der heranwachſenden Generation ſich entgegenſtellt. In dieſer Geſinnung unterziehen wir uns nun in dieſen Unterſuchungen der nüchternſten Behandlung unſeres Themas, um dadurch derjenigen Auffaſſung des Realſchulweſens, wenn es möglich ſein ſollte, förderlich zu ſein, welche auch in unſrem Lande eine ächte Realſchulpädagogik ſchaffen würde. Denn von der Thätigkeit des Erziehers und Lehrers und von jedem Lebensberufe, für welchen ein Schüler ge⸗ bildet wird, gilt das Wort:
„Nicht daß man lebe, ſondern wie, Iſt Menſchen würd'ges Streben.“(Rückert.)
Wollten wir nun fofort genauer über die Gegenſätze berichten, welche innerhalb des deutſchen Realſchulweſens hervorgetreten ſind, und dann einen Organiſationsplan für unſre Realſchulen auf⸗ ſtellen, ſo müßten wir uns auf vielen Widerſpruch gefaßt machen. Wir ziehen es darum vor, die ver⸗ ſchiedenſten Forderungen, welche man unſrer Schule und andern heſſiſchen Realſchulen geſtellt hat, zu be⸗ ſprechen, und es iſt vielleicht möglich, auf dieſem Wege zu einem Reſultate zu gelangen, welches eine verſchiedenartige, localen Bedürfniſſen entſprechende Geſtaltung der heſſiſchen Realſchulen 2. Ordnung zu⸗ läßt und dabei zeigt, wie einem großen Theile unſrer Realſchüler zugleich die Ausbildung und die Be⸗ rechtigungen der norddeutſchen Realſchulen 1. Ordn. oder der Realgymnaſien geſichert werden könnten.
Durch die vorliegende Arbeit zieht ſich der alle Einzelheiten beherrſchende Gedanke hindurch, daß nur dann unſer Realſchulweſen zu der Blüthe des preußiſchen ſich erheben werde— denn die Vorzüge des preußiſchen Realſchulweſens wird wohl Niemand in Abrede ſtellen wollen— wenn auch unſere Realſchulen durch ein wohl überlegtes Syſtem von Berechtigungen in ihrer Organiſation und ihrer Wirk⸗ ſamkeit gefördert werden. Es war deshalb natürlich, daß wir uns vor Allem die Berechtigungen der preußiſchen Realſchulen verſchiedener Kategorie anſahen. Wir wiſſen wohl, daß viele preußiſchen Real⸗ ſchulen 1. Ordn. einer Umwandlung entgegengehen, daß darnach vielleicht auch manche ihrer Berechtigun⸗ gen modificirt werden. Dies kann uns aber nicht abhalten, uns in unſrer Beſprechung an dieſe gegen⸗ wärtig durch Berechtigungen am meiſten unterſtützten Realſchulen Preußens zu halten. Indem wir in dieſem Sinne die Realſchule 1. Ordn. im Auge behalten, handeln wir nicht anders, als diejenigen preu⸗ ßiſchen Städte, welche von ihren Realſchulen 1. Ordn., obwohl denſelben noch Vieles fehlt, nicht laſſen wollen oder fortwährend neue Realſchulen dieſer Kategorie ins Leben rufen. Sollten einmal die gedach⸗ ten Berechtigungen an preußiſche und anherzereuß ſche Realſchulen verſchiedener Kategorie in andrer de vertheilt werden, nachdem dieſelben gewiſſe Umbildungen in ihrer Organiſation vollzogen: ſo müßten wir


