11 einem hHinweis auf die Bedeutung und den hohen Ernſt der Lage und ſchloß mit einem Hoch auf den Erfolg der deutſchen Waffen, worauf von allen mit Begeiſterung„Die Wacht am Rhein“ ge⸗ ſungen wurde. Am 1. Oktober konnte der regelmäßige Unterricht wieder beginnen. Aus demſelben Programm entnehmen wir noch, daß die Realſchule am 11. April 1870 den Beſuch des Prinzen Ludwig und der Prinzeſſin Alice erhielt, indem dieſelben der öffentlichen Prüfung zwei Stunden lang mit eingehendſtem Intereſſe beiwohnten.
IV. Die Entſtehung des Kealgumnaſiums.
Wie die Realſchulen, ſind auch die Realgymnaſien auf dem Boden der Zeit gewachſen; ſie bilden einen Kompromiß zwiſchen Gymnaſium und Realſchule. Deutſchland war allmählich Induſtrie⸗ ſtaat geworden, der Handel hatte, namentlich nach der Errichtung des Deutſchen Reiches, einen ganz gewaltigen Aufſchwung genommen. Es gibt viele zukünftige Beamte(z. B. Baubeamte, Berg⸗ beamte ꝛc.), denen mit der rein⸗klaſſiſchen Bildung nicht gedient iſt, für die eine gründliche Vorbildung in neueren Sprachen und Maturwiſſenſchaften viel wichtiger iſt; andererſeits wollen ſie auf das Latein nicht ganz verzichten, denn ſie kommen in ihrem Beruf mit Leuten zuſammen, die die Renntnis des Latein bei ihnen vorausſetzen. Hu den genannten Beamtenkategorien kommen die Groß⸗Induſtriellen, Techniker uſw.(vergl. auch Paulſen: Geſchichte des gelehrten Unterrichts p. 556 ff.). Nachdem man in Preußen im Jahre 1859 die erſten Realgymnaſien errichtet, tauchte auch in den ſüddeutſchen Staaten der Gedanke auf, Realanſtalten zu gründen, deren Schüler die Berechtigung zum Beſuche des Polytechnikums erhielten. Die Univerſität blieb auch in Preußen den Realgymnaſiaſten vorläufig verſchloſſen: erſt im Jahre 1870 iſt ſie ihnen für einige Fächer eröffnet worden. In Mainz entſtand der Gedanke, eine Realſchule I. Ordnung zu errichten, im Jahre 1869. Er iſt, ſoweit ich es aus den Akten erſehen kann, von der Militärbehörde ausgegangen. Am 25. 3. 1869 richtete der damalige Gouverneur, Prinz holſtein, ein Schreiben an die Direktion der Realſchule, in dem jener ſich dazu bereit erklärt, beim Kriegsminiſterium ſich zu verwenden, daß die abgehenden Realſchüler I. Ordnung, falls eine ſolche Anſtalt errichtet wird, von der Portepee⸗Fähnrich⸗Prüfung entbunden werden. In derſelben Angelegenheit wendet ſich der Gouverneur(durch Schreiben vom 10. 4. 1860) an den Pro⸗ vinzialdirektor. Direktor Schödler ging ſofort auf den Gedanken ein, ebenſo der Mainzer Stadtrat, der in der Sitzung vom 10. 9. 1869 ſich für die Errichtung einer Realſchule I. Ordnung ausſprach. Schödler dachte aber damals nicht im entfernteſten daran, eine von der Realſchule geſonderte Anſtalt ins Leben zu rufen; ſein Plan geht hervor aus dem Programm des Jahres 1871. Es ſoll ſich an die 6 Klaſſen eine zweijährige Oberklaſſe anſchließen für ſolche, die einer weiteren Ausbildung bedürfen. Beim Abgang von derſelben iſt eine Maturitätsprüfung zu erledigen, welche den Schülern alle die Berechtigungen im Sivil⸗ und Militär⸗Dienſt gewährt, wie dies bei den Realſchulen I. Ord⸗ nung in Preußen der Fall iſt. Für mehrere techniſche Fächer iſt eine gewiſſe Kenntnis des Lateins erforderlich, deshalb wird für die betreffenden Schüler von der unterſten Klaſſe an eine beſondere Latein⸗Abteilung gebildet. Mit Rückſicht darauf, daß die von der Realſchule I. Ordnung abgehenden Schüler zum Teil das Polptechnikum in Darmſtadt beſuchen werden, wurde der Beginn des Schul⸗ jahres im Jahre 1872 auf herbſt verlegt, weil die polytechniſchen Kurſe ihren Anfang am 1. November nahmen. Im Herbſt 1871 fand zum erſtenmale eine Maturitäts⸗Prüfung ſtatt, die 3 Schüler be⸗ ſtanden, ganz nach den Normen, welche hierfür in Preußen für die Realſchulen I. Ordnung galten. Obgleich noch immer ein Statut fehlte, welches die hierdurch erlangten Berechtigungen feſtlegte, wurden doch dieſe Schüler auf grund der Zeugniſſe unbeanſtandet in die Fachklaſſen für Bau⸗ und Ingenieur⸗


