Aufsatz 
Geschichte der Mainzer Realschule (Realschule, Realgymnasium, Höhere Handelsschule, Oberrealschule) / von Karl Beck
Entstehung
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10 der Handelsſtand und das gehobene Gewerbe vor 2530 Jahren Realſchulen verlangt hätten, die jährlich noch vermehrt wurden. Deshalb komme der Ruf nach handelsſchulen ſehr überraſchend. Der Redner beantwortet zunächſt die Frage: Was verſteht man unter Bildung des Kaufmanns 5 Die Bildung des Menſchen iſt die Entfaltung und Pflege aller Fähigkeiten ſeines Geiſtes in Über⸗ einſtimmung mit den Geſetzen der Wahrheit und Schönheit. Die Grundlage aller Bildung iſt dem⸗ nach Religion, Wiſſenſchaft und Kunſt. Dieſe Bildung gibt die Realſchule, nicht die Handelsſchule. Lieſt man die vielverſprechenden Programme ſolcher Unternehmungen, prüft man ihre Lehrkräfte und das Alter ihrer Schüler, ſo wird man unwillkürlich an gewiſſe induſtrielle Schwindelgeſchäfte erinnert. Was über die Bildung i. a. geſagt iſt, gilt auch von der Bildung des Maufmanns. Eine Lehranſtalt muß eine gute Schulung geben, d. h. ſie muß ſittlich⸗feſte, geiſtig⸗geweckte und körperlich⸗rüſtige Schüler heranbilden, die gewöhnt ſind zu arbeiten. Aber dieſer charakterſtärkende Sinfluß der Schule wird von der Mehrzahl der Eltern weder erkannt noch gewürdigt. Ein paar mechaniſch auswendig gelernte franzöſiſche Brocken, einige ebenſo angelernte Kunſtſtückchen im Rechnen imponieren ihnen oft ungleich mehr. In dem müheſamen Erlernen einer fremden Sprache durch das Studium der Grammatik, in der ſtrengen Folge mathematiſcher Schlüſſe und Geſetze liegt aber eine ſo förderliche Übung der Geiſteskräfte, daß hierdurch allein die im ſpäteren Leben ſich zeigende Üüberlegenheit der Gebildeten über den Ungebildeten begründet iſt. Mit dem 16. Jahre vollendet der Schüler ſeine Ausbildung in der Realſchule; wenn derſelbe befähigt und fleißig war, erfüllt er die Anforderungen, die an den künftigen Kaufmann geſtellt werden. Deshalb kann für die Mainzer Realſchule der Charakter einer Handelsſchule in Anſpruch genommen werden. Umgekehrt kann man eine Handels⸗ ſchule nur dann als eine gleichberechtigte Lehranſtalt anerkennen, wenn ſie in gleicher Weiſe eine feſte Grundlage allgemeiner Bildung ſelbſt legt oder vorausſetzt.

Demnach hätte alſo Schödler gegen höhere Handelsſchulen, wie eine ſolche ſeit einigen Jahren mit der hieſigen Realſchule verbunden iſt, nichts einzuwenden gehabt, denn die höhere Handelsſchule ſetzt eine wiſſenſchaftliche Vorbildung voraus, da in dieſelbe nur Schüler aufgenommen werden, welche den Berechtigungsſchein zum einjährigen Militärdienſt erlangt haben.

Schödler glaubt, daß die Kenntnis der ſpeziellen Handelsfächer, die jetzt in der höheren Handels⸗ ſchule gelehrt werden(Wechſel⸗ und Handelsrecht, Handelsgeſetzgebung ꝛc.), ſich der Lehrling durch Privatſtudium aneignen könne. Für die einzelnen Ausnahmen des Bildungsbedürfniſſes des handels⸗ ſtandes dürfte eine einzige wirkliche hHandelsakademie für ganz Deutſchland hinreichen; vielleicht könne man ſie an eine Univerſität angliedern. Der Standpunkt Schödlers erklärt ſich aus den damaligen Seitverhältniſſen; die neue Zeit hat auch neue Bedürfniſſe gebracht.

Die großen politiſchen Ereigniſſe des Jahres 1866 verfehlten nicht, wie wir aus dem Pro⸗ gramm des Jahres 1867 erſehen, ihre Einwirkung auf die Schule, obgleich der geregelte Gang nicht einen Tag unterbrochen wurde. Die in Erwartung einer Belagerung mehrfach eingetretenen Störungen im Verkehr von Mainz nach außen verhinderten vorübergehend den Beſuch der Schule durch manche Schüler aus den umliegenden Orten. Infolge des Krieges wurde bekanntlich auch im Großherzogtum Heſſen die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Damit hing zuſammen, daß die Schüler der Realſchule, die die 1. Klaſſe abſolviert hatten, die Berechtigung zum einjährigen Militärdienſt erhielten. Die Folge war eine ſtarke Zunahme der Schülerzahl in allen höheren Lehranſtalten, namentlich in den unteren und mittleren Klaſſen. So erklärte es ſich, daß das Schuljahr 1867 mit 310 Schülern eröffnet werden konnte.

Dann gedenkt der Jahresbericht des Jahres 187] der glorreichen Ereigniſſe des großen Krieges. Die Realſchule wurde für Militärzwecke in Anſpruch genommen und mußte deshalb am I. Auguſt geräumt werden. Der Direktor verabſchiedete die im Schulhof verſammelten Lehrer und Schüler mit