Aufsatz 
Geschichte der Mainzer Realschule (Realschule, Realgymnasium, Höhere Handelsschule, Oberrealschule) / von Karl Beck
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

einem ſpäteren Bericht an die Oberſtudien⸗Direktion hervorgeht, zwar überzeugt, daß dieſe Fort⸗ bildungs⸗Abende keinen dauernden Beſtand haben, er will ſie trotzdem ins Leben rufen, weil dadurch den Reallehrern Gelegenheit gegeben werde hervorzutreten, Fühlung mit dem Publikum zu gewinnen. Schließlich beantragt Schödler die Erhöhung des Schulgeldes von 15 fl. auf 16 fl. Nachdem die Regierung die Vorſchläge Schödlers befürwortet, hat der Mainzer Gemeinderat die Forderungen im weſentlichen erfüllt. Im Programm des Jahres 1858 kann Schödler ſeine Freude darüber aus⸗ ſprechen, daß ſchon vieles beſſer geworden iſt, namentlich in den oberen Klaſſen hat die Zahl der Schüler zugenommen; im unteren Stock iſt ein geräumiger Turnſaal hergeſtellt, ebenſo Gas⸗ beleuchtung eingeführt worden. Die Mainzer Realſchule hat wohl zu den erſten Anſtalten gehört, in denen dieſe Beleuchtung eingeführt worden iſt. Ich erinnere mich aus meiner Schulzeit, daß am Gymnaſium in Gießen noch im Jahre 1872 die Beleuchtung in den Stunden von 45 im Winter in Talgkerzen beſtand, die abwechſelnd die Schüler mit der Lichtputzſcheere zu bedienen hatten, was natürlich zu allerlei Unfug Veranlaſſung bot.

In demſelben Programm geſchieht auch der Pulver⸗Exploſion(18. 11. 1857) Erwähnung, inſo⸗ fern davon die Realſchule betroffen wurde:Da jenes Unglück an einem freien Mittwoch⸗Nachmittage um 3 Uhr ſich ereignete, ſo befanden ſich nur die Modellierſchüler und Erſt⸗Kommunikanten in der Schule; es wurden von den letzteren mehrere durch hereinfliegende Glasſplitter im Geſicht verletzt. Das Gebäude ſelbſt wurde hart mitgenommen. Ein Stein im Gewicht von ungefähr 100 Pfd. durchſchlug Dach, Gebälk und Boden und verurſachte eine ſolche Erſchütterung, daß im Zeichenſaale eine der als Stütze dienenden Säulen eine merkliche Ausweichung erlitt und in Lehrzimmern und Gängen an Decken und Wänden die Mörtelbekleidung ſich ablöſte und herabfiel; man zählte außerdem 288 zerbrochene Scheiben. Auch flogen noch mehrere Steine von bedeutender Größe ins Gebiet unſerer Anſtalt, von welchen zwei Dach und Boden des Turnſaals durchſchlugen und ſtark be⸗ ſchädigten. Im phyſikaliſchen Kabinett waren mehrere Flaſchen mit Säuren zertrümmert worden, deren zu fürchtende Wirkung jedoch durch ſofortiges Einſchreiten beſeitigt wurde. Ungeachtet dieſer Verheerungen konnte bei einigem Notbehelf der Unterricht am ſechſten Tage nach der Exploſion wieder begonnen werden.

Direktor Schödler beſchränkte indeſſen ſeine Tätigkeit nicht darauf, die dringendſten Mißſtände zu beſeitigen, er nahm auch in Wort und Schrift ſehr entſchieden Stellung in allen ſpeziell die Realſchule berührenden pädagogiſchen Fragen. Unter den vielen Schulreden, die er nach Be⸗ endigung der öffentlichen Prüfungen hielt, iſt eine beſonders bemerkenswert, die betitelt iſt: Unſer Ziel. Was iſt die Aufgabe, der Inhalt, das Ziel der Realſchuled(Programm 1850). Aus dieſer Rede möchte ich einige charakteriſtiſche Stellen anführen:Die Realſchule iſt im Verlauf ihrer Ent⸗ wicklung in den Stand geſetzt worden, einen Schwerpunkt ihres Unterrichtsſtoffes herauszufühlen und als ihr bildendes Slement ebenſo zu ſetzen, wie das Studium der alten Sprachen in anderen Lehr⸗ anſtalten dient. Als ſolches muß ausdrücklich bezeichnet werden das chriſtlich⸗nationale Slement.

Es könnte auffallen, daß Schödler als charakteriſtiſches Merkmal der Kealſchule das chriſtliche Element bezeichnet. Ich glaube, dieſer Ausdruck iſt abſichtlich gewählt, denn es beſtand damals eine Strömung, welche die Realſchulen als Brutſtätten des Materialismus bezeichnete. Fiel doch damals in der erſten Kammer das Wort: In den Realſchulen predige man hochmut und Materialismus.

Auf der Grundlage des Chriſtentums ſollen weniger die Mythen des Altertums als die Sagen des deutſchen Volksepos, weniger die klaſſiſche Poeſie der Griechen und Römer als die Meiſterwerke deutſcher Dichter, weniger die hHeroen der Thermopylen und die Triumphe der Cäſaren als die Heldentaten unſeres tapferen Volkes behandelt werden, an welchen wir die herzen der Jugend erquicken, erheben und begeiſtern wollen für alles Gute, Edle und Schöne.