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geschworenen Eid der Treue sich auch für dies neue Amt gebunden erachten und dessen Pflich- ten nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen wollen.
So übertrage ich Ihnen denn alle Rechte und Pflichten eines Königlichen Directors dieses Gymnasiums, gebe mit diesem Schlüssel das neue Haus in Ihre Obhut, verpffichte die Lehrer zu williger Folge, die Schüler zu unverbrüchlichem Gehorsam, zu regem Fleiss und guter Sitte mit der festen Zuversicht, dass diese Stunde der Schule und der Stadt zum Heile gereichen werde. Und wie sollte sie nicht? Tritt doch in Ihnen ein Mann an die Spitze der Anstalt, der in seiner Wissenschaft wie in seinem Amte eines so wohlbegründeten Rufes sich erfreut und allezeit diejenige Lauterkeit der Gesinnung bethätigt hat, welche die erste und vornehmste Bedingung für den Leiter einer Schule ist. Keinem anderen folgen freudig und willig Männer von so hoher geistiger und ethischer Bildung, wie das Lehramt sie voraussetzt, keinem anderen gelingt es, das einmüthige Zusammenwirken an der gemeinsamen hohen Auf- gabe zu begründen und zu erhalten. Und in der Jugend dieser Stadt werden Sie, wie Sie gewohnt sind, mit vollem Verständniss für ihr Gemüthsleben den frischen und fröhlichen Sinn nicht durch finstern Ernst beeinträchtigen, sondern mit freundlicher Humanität zu allem Guten führen, ohne je einen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, dass, wo immer es noth thut, strenge Zucht energisch gehandhabt werden wird.
Doch der Segen kommt von oben. Die Huld und Gnade des allmächtigen Gottes sei mit Ihnen und mit dieser Schule nun und immerdar. Amen!
Herr Gymnasial-Director Töppen nahm den Schlüssel in Empfang und antwortete folgendermassen:
»Nicht zum ersten Male trete ich heute in den Kreis der Lehrer dieses Gymnasii. Schon vor einer langen Reihe von Jahren gehörte ich demselben als Mitglied an, und wie- wohl mich zufällige Verhältnisse von hier fortführten, überall hin hat mich die lebendige Erinnerung an diese Zeit meiner amtlichen Thätigkeit begleitet; überall schien mir beneidens- werth der Aufenthalt in der schönen Stadt Elbing und ihrer reizenden Naturumgebung. Ich gedachte mit herzlicher Neigung mancher freundschaftlichen Verbindung; vor Allem aber schwebte mir als Muster und Vorbild des eigenen Strebens, treibend und erhebend, das Bild des verehrten Mannes vor, dessen Amtsnachfolger zu sein ich jetzt die Ehre habe, und das gesammte Elbinger Schulleben, wie es durch seine edle Begeisterung für das Wohl der heran- wachsenden Jugend, durch seine überlegene Einsicht und wissenschaftliche Bildung, endlich durch sein organisatorisches Talent angeregt und geleitet sich damals zu schöner Blüthe entfaltete. Und da ich nun nach langer Wanderung von Schule zu Schule, von Provinz zu Provinz hierher zurückkehre, ist es mir zu Muthe, als kehrte ich in die langentbehrte Heimat zurück.
Aber, wie Vieles hat sich hier verändert. Das altehrwürdige Gebäude, in welchem Lehrer und Schüler zu gemeinschaftlicher Arbeit sich versammelten, ist verlassen; der verehrte Mann, an den ich mich damals vor allen angeschlossen hatte, ist nach einer langen, von sel- tenen Verdiensten und Erfolgen gekrönten Amtsführung in den Ruhestand getreten; von allen damaligen Collegen ist keiner mehr im Lehramte; nur wenige von ihnen sind noch am Leben.


