Aufsatz 
Die Schriftstellerlektüre der Ober-Sekunda nach den Grundsätzen der Konzentration : 1. Teil / von August Ahlheim
Entstehung
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steuern, die Härte des Schuldrechtes, die in ihrer Anwendung auf einen tapferen Krieger um so krasser zu Tage tritt, die Ernennung eines Diktators, Verdächtigung des Strebens nach der Königswürde, die Undankbarkeit des Volkes gegen seinen Wohlthäter, die Rache der Patrizier gegen ihren abtrünnigen Standesgenossen. Aber das sind lauter altbekannte Züge, die sich alle bei Sp. Cassius und Sp. Maelius schon fanden. Man wird deshalb diese Episode ruhig übergehen und sich zum Abschluß des Ständekampfes wenden können, zu den licinisch-sextischen Gesetzen. Da der Kampf wieder den früher mehrfach beobachteten Verlauf nimmt, genügt für die Lektüre B VI, cap. XXXV 4 10, das uns mit den Anträgen der beiden Tribunen, der Opposition der Patrizier und den Gegenmaßregeln der Tribunen bekannt macht; cap. XXXIX 2, wo wir den mißglückten Versuch erfahren, die ärmeren Plebejer von den Reichen durch Zugeständnisse zu trennen, und cap. XLII9- 11, das den Ausgang des Streites enthält. Zwar schaffen sich die Patrizier für den Augenblick die beiden neuen Amter: Praetur und kurulische Aedilität, aber durch den Zutritt der Plebejer zum Consulät ist die Ausgleichung der Stände und die Herstellung der Gleichberechtigung aller Staatsbürger der Hauptsache nach errungen. Nachdem so der Staat im Innern geeint ist, kann er seine Kräfte nach außen richten und den Kampf mit den Samnitern vertrauensvoll aufnehmen.

In ähnlicher Weise ging der nationalen Erhebung des Jahres 1813 in Preußen durch die Aufhebung der Erbunterthänigkeit der Bauern, den Zutritt Bürgerlicher zu Offiziersstellen u. ä. die innere Wiedergeburt voraus. Und wenn wir hier beständig von der Not der minderbesitzenden Klassen und den Versuchen zur Abhilfe hören, ist es eine unabweisbare Forderung, darauf auf- merksam zu machen, wie ganz anders heute Staat(Krankenversicherung, Unfall-, Alters- und Invaliditätsversicherung) und Private in anerkennenswerter und dem christlichen Geiste entsprechen- der Weise die Not zu lindern und berechtigten Forderungen gerecht zu werden suchen. Der Ge- danke, daß Deutschland auf Anregung seiner Kaiser auf dieser Bahn den andern Völkern voran- geht, ist gewiß geeignet, dazu beizutragen, die Liebe zu Kaiser und Reich in das jugendliche Gemüt zu pflanzen.

Während die von uns berücksichtigten Partien der I. Dekade Verfassungsgeschichte zum Gegenstand hatten, enthält die III. Kriegsgeschichte. Da die Schauplätze die Länder rings ums westliche Becken des Mittelmeeres sind, bieten sich zahlreiche Beziehungen zur Geographie dar. Weit zahlreicher sind aber die inneren Beziehungen zu anderen Unterrichtszweigen, besonders zur Herodotlektüre. Bei beiden Historikern sehen wir ein Volk eines fremden Einfalls sich erwehren, und somit werden Stoffe behandelt, für die die Jugend sich gerne begeistert. Was könnte auch einen freudigeren Widerhall in der Seele deutscher Knaben finden, als Freiheitskriege und Abwehr fremden Uberfalls?

Der Gang der Ereignisse lehrt, daß große Zeiten auch große Männer hervor- bringen, deren Wirken bestimmend ist für den Gang der Geschichte(Themistokles, Hannibal, Scipio), daß thatsächlich nur diese etwas leisten, während die Menge(Volksversammlung in Rom und Karthago) sich leiten läßt, und für den Wert oder Unwert ihrer Handlungen bloß von Wichtigkeit ist, wer sie leitet; daß also eine Demokratie nur dann segensreich sein kann, wenn ein tüchtiger Mann an ihrer Spitze steht und ihr dadurch monarchischen Anstrich giebt.(Rückblick auf Perikles und Vorbereitung auf Caesar!) Bei Herodot liegen die Verhältnisse insofern einfacher, als dort der größte Held, dem freilich der Schriftsteller eine leicht nachweisbare, mißgünstige Darstellung zu teil werden läßt, zugleich die Verkörperung der nationalen freiheitlichen Bestre- bungen ist, während bei Livius der bedeutendste Mann an der Spitze des feindlichen Heeres steht. Aber der weitere Verlauf der Ereignisse lehrt, daß der geniale Punierfeldherr eine Ausnahme- erscheinung in seinem Volke ist und das innerlich uneinige Staatswesen der Karthager keinen Vergleich aushalten kann mit der zähen Ausdauer und aufopfernden Vaterlandsliebe der Römer.

Wie im allgemeinen, so finden sich auch im einzelnen viele gleichartigen Züge in Ver-