Beilage zum Programm des Grossherzoglichen Gymnasiums in Bensheim, 1892/93.
Die Schriftstellerlektüre der Ober-Sekunda
nach den Grundsätzen der Konzentration. J. Teil.
Von
Dr. August Ahlheim.
Als die klassischen Sprachen noch unangefochten die Alleinherrschaft im Gymnasium aus- übten, war dadurch auch eine Einheitlichkeit des Unterrichts gegeben, die durch den vorzugsweise grammatikalischen Betrieb nur noch strenger gewahrt wurde. Die sog. Nebenfächer, die nach und nach eingeführt worden waren, um das mitzuteilen, was die jeweilige Zeitströmung als zur all- gemeinen Bildung für unumgänglich notwendig erachtete,¹) führten lange Zeit in bescheidener Zurückgezogenheit eine Art von Scheinleben. Je mehr sie aber nach Gleichberechtigung mit ihren vornehmen Schwestern strebten, um so mehr wuchs die Stoffmenge ²), und um so nachteiliger machte sich die verderbliche Wirkung des Vielerlei auf das Gedächtnis ³) des Schülers bemerkbar, eine Wirkung, die ja auch der Erwachsene, den sein Beruf zu einer vielseitigen Beschäftigung zwingt, am eignen Fleische zu erfahren die unliebsame Gelegenheit hat. So entstanden unter manchen unberechtigten auch wohl berechtigte Klagen über UÜberbürdung.¹) Nun schob man kurzer Hand der Schule die Schuld an einem Zustande zu, zu dessen Herbeiführung sie meist gegen ihren Willen veranlaßt worden war. Eine Untersuchung über die Schuldfrage scheint übrigens ebenso wenig fruchtbar, wie die Zurückführung der früheren Verhältnisse möglich oder auch nur wünschens- wert. Es kann sich also nur darum handeln, zuzusehen, wie man am besten mit den nun einmal nicht zu ändernden Verhältnissen auskommen kann.
Unter den Mitteln, die die nachteiligen Wirkungen des bunten Vielerlei der Unterrichts- gegenstände möglichst abzuschwächen geeignet erscheinen, stellt die moderne Pädagogik die Her- stellung eines engen Zusammenhangs und ein stetes Ineinandergreifen der Vorstellungen nicht bloß innerhalb eines Faches,³) sondern in allen Gegenständen des Lehrplans,s) d. h. die sogenannte
¹) Eine treffende Zusammenstellung der zahllosen Forderungen der Gegenwart findet sich bei Münch, Neue pädagogische Beiträge. Berlin 1883. S. 72.
²) Daß das Hervortreten der Nebenfächer zur Uberbürdung führte, ist auch ausgesprochen in den„Ver- handlungen über Fragen des höheren Unterrichts“ Berlin 1891.
³) Fauth, Zur Hygiene des Gedächtnisses, mit besonderer Berücksichtigung des Schullebens. Ztschr. f. Schul- gesundheitspflege 1891, Nr. 12 p. 742.
4) Vgl. die Verhandlungen der Kommission zur Prüfung der Frage der Uberbürdung an den höheren Lehr- anstalten des Großherzogtums Hessen. Darmstadt. Staatsverlag 1883.
s) Schiller, UÜber Konzentration im lateinischen Unterricht, Z. f. G. W. 38, 193 ff.
⁵) Am ausführlichsten handelt hierüber: Schiller, Die einheitliche Gestaltung und Vereinfachung des Gym- nasialunterrichts etc. Sammlung päd. Vorträge IV. Halle, Waisenhausbuchhandlung. Derselbe in den „Berliner Verhandlungen über Fragen des höheren Unterrichts“ p. 431 und öfter.
Ihm. Die Konzentrationsidee und ihre Bedeutung für die Ober-Tertia des Gymnasiums. Programm,
Bensheim, 1889, Nr. 593.
Programm Nr. 623.


