Aufsatz 
Die Schriftstellerlektüre der Ober-Sekunda nach den Grundsätzen der Konzentration : 1. Teil / von August Ahlheim
Entstehung
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15 (quid postea?), nempe u. ä. Aber bei der Menge des zu bewältigenden Stoffes wird man eher geneigt sein, sie zu überschlagen, zumal inhaltlich wertvollere Reden, wie z. B. die des 21. Buches, Gelegenheit genug bieten, den rhetorischen Charakter der livianischen Geschichtschreibung im einzelnen zu beobachten. Wir lesen deshalb nur noch den Ausgang des Streites cap. VI. Die§§. 11 und 12 möchten wir aber nicht so wörtlich nehmen, wie es Haupt(p. 27) gethan hat, sondern lieber diese Gelegenheit benutzen, um zu zeigen, wie die herrschende Klasse es verstanden hat, durch allerlei Intriguen ein Vorrecht faktisch noch lange Zeit sich zu erhalten, obwohl sie recht- lich schon längst darauf hatte verzichten müssen.¹) Diese Intriguen zeigen sich auch VII1 3 und 7 12 bei dem jetzt jährlich wiederkehrenden Streit, ob Consul- oder Kriegstribunenwahlen statt- finden sollen. In cap. VIII wird von der Censur geredet. An das, was hier über die römische Ehe zu sagen ist, schließt sich später natürlich das Verwandte aus der germanischen Welt an, einerseits im Nibelungenlied, wo die Ebenbürtigkeit als Haupterfordernis hingestellt wird, und dann in Hermann und Dorothea, wo anfangs vorhandene Standes- und Vermögensrücksichten sittlich höheren Anforderungen weichen müssen.

In cap. XIII XVI sehen wir nochmals die Patrizier sich des unbequemen plebeischen Geg- ners durch Mord entledigen; er wird aber jetzt nicht mehr wie bei Genucius heimlich, sondern auf offener Straße und unter dem Scheine der Gesetzlichkeit vollzogen. Dabei lernen wir die fast schrankenlose Macht des Diktators kennen, die hier freilich dadurch noch um so schrankenloser erscheint, als sie, wie XIIII1 erweist, in offenem Widerspruch zu dem BIII 555 kennen gelernten Provokationsgesetz steht. Die Zuhilfenahme dieses ungesetzlichen Mittels und der Umstand, daß man es trotz der hochtönenden Phrasen(cap. XV) für nötig hielt, das Volk durch Getreideschenkungen zu gewinnen(XVI 2), wird auch den Schülern auffallen, und es bietet sich, wie anderwärts so auch hier, Gelegenheit zur Stellung von Aufgaben, in der Form schriftlicher Ausarbeitungen oder münd- licher Vorträge, die besonders geeignet sind, die Denk- und Selbstthätigkeit der Schüler zu fördern. ²)

Die Gewaltthat trug aber keine Frucht, sondern ebenso wie nach des Genucius Tod hören wir auch hier bald von einem weiteren Erfolg der Plebejer LIV 1 6. Von den vier Quästoren sind drei Plebejer. Es beweist dies ein Schwinden des patrizischen Einflusses, und dann, was wichtiger ist: patefactus ad consulatum ac triumphos locus novis hominibus videbatur.

Kurz erwähnen könnte man auch noch LIX 11 und LX ut stipendium miles de publico acciperet, eine Maßregel, die wohl für den Augenblick wohlthuend empfunden werden mochte, deren zweifelhaften Wert aber die Tribunen sofort einsahen. Die Erwähnung des tributum giebt Ge- legenheit, von der Besteuerung zu sprechen, und das aes grave plaustris ad aerarium convectum erinnert an das eiserne Stabgeld der Lacedämonier.

Das aerarium ist Stadt- und Staatskasse, und hineinfließt, außer den direkten Abgaben (tributum), noch der Pachtzins aus den Staatsländereien und Provinzen(vectigalia). Durch Ver- gleich der heimischen Verhältnisse werden besprochen: Staats-, Gemeinde-, Kirchensteuer; ferner direkte Steuern, wie Einkommen-(progressive), Kapitalrenten- und Vermögenssteuer und indirekte (Verbrauchs-)Steuern; letztere sind wieder geschieden in solche des inneren Verkehrs, wie Branntwein-, Brau-, Tabak-, Zucker- und Salzsteuer, die bei der Produktion oder dem Umsatz besteuert werden, und ausländische Verkehrsgegenstände, die beim Ubergang über die Grenze versteuert werden (Zölle). 3

Aus dem weiteren Verlauf des Ständekampfs könnte der Prozeß des Manlius noch für die Lektüre in Frage kommen. Die hier zu beobachtenden Momente sind: das Bestreben eines Patriziers, den Plebejern zu helfen, Aufbieten von Privatmitteln, um der herrschenden Not zu

¹) Mommsen, R. G. p. 292. 49 ²) cf. Ackermann, Die Selbstthätigkeit der Schüler beim Unterricht; inPädagog. Fragen I. Reihe.