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auswahl können wir meist Haupt folgen und lesen cap. XXIII, XXIV, XXVII, XXVIII, XXIX, XXX 1—Y7, XXXII, XXXIII1—-3 und 11, 12. Den typischen Gang der Verschuldung zeigt XXIII 5, 6, sowie auch die Härte des damaligen Schuldrechts, die in der geringen Sicherheit, die dem Gläubiger geboten war, ihren Grund hat; ähnlich müssen auch heute noch z. B. Staaten, deren innere oder äußere Lage geringere Sicherheit bietet, höhere Zinsen zahlen als andere. Ein kurzer Stillstand in dem Verfassungsstreit tritt durch den Krieg ein(cf. Preußen im Jahr 1866). Die Haltung der Plebejer ist stets zielbewußt und gesetzlich, während bei den Patriziern erst spät der einsichtsvollere Teil die Oberhand erlangt. Bei der Beilegung des Streites ist merkwürdig, daß der eigentliche Grund, die Schulden, keine Erwähnung finden. An XXXIII 11 und 12 zeigen wir die Dankbarkeit des Volkes gegen seinen Wohlthäter, die sich in dem Begräbnis durch freiwillige Beiträge äußert.(cf. Kaiser Wilhelms- und Bismarckspende.) Ahnliches hören wir in Athen von Aristides, und beidemal wird Armut des Toten zur Erklärung des schönen Brauchs angeführt.
Wenn Haupt den Wert des Abschnittes in der Schilderung einer großen Volksbewegung erblickt, so möchte ich ihre didaktische Bedeutung in einer anderen Richtung suchen. Läßt schon ein Vergleich zwischen der Haltung der Plebejer und der des größten Teils der Patrizier den Wert ruhigen, zielbewußten Ausharrens im Gegensatz zu unüberlegter und deshalb undurchführbarer Heftigkeit klär zu Tage treten, so sind die Charaktere der Führer noch lehrreicher. Niemand wird zwar das starre Festhalten des Appius an nicht mehr aufrecht zu erhaltenden patrizischen Vor- rechten billigen, umsoweniger als es selbst vor offenkundiger Verfassungsverletzung(dictator, a quo provocatio non est!) nicht zurückschreckt; aber ebensowenig wird jemand der Konsequenz seines Wollens und Handelns(Horaz, Od. III3 Justem et tenacem propositi virum etc.) nach den einmal für richtig erkannten Grundsätzen(viel Khnliches zeigt der Charakter Hagens!) seine Achtung ver- sagen können, während wir es ganz in der Ordnung finden, daß es der schwankende Servilius mit beiden Parteien verdirbt. Durch diese Erkenntnis wirken wir auf die Willens- und Charakterbildung ¹) und lehren nicht bloß, sondern erziehen auch.
Auch das Scheitern der Ackergesetzgebung des Spurius Cassius cap. XILI ist psycho- logisch höchst interessant. Daß die hier geschilderten Vorgänge nur eine Vorwegnahme der Zeiten des C. Gracchus und Livius Drusus sind, braucht bei der allgemeinen Bekanntheit der Sache nur angedeutet zu werden. Aber gerade deshalb sind sie geeignet, wesentlich zur Klärung jener Ver- hältnisse beizutragen und arbeiten so wirksam dem Geschichtsunterricht vor. Auch Beiträge zu der schon bei Horatius erwähnten patria potestas bietet die in§. 10 erwähnte Variante.
Zeigt das Schicksal des Cassius das Vorgehen der Patrizier gegen einen ihren Interessen zuwiderhandelnden Standesgenossen, so erfahren wir in cap. LIV, daß sie den verhaßten Tribunen gegenüber den Mord noch für eine rühmliche That halten(die antike Ansicht über den politischen Mord!). Des Genucius Schicksal wiederholt sich in dem Tode des Tribunen Drusus. Der Zweck scheint erreicht, die Intercession der Tribunen hört auf; aber das Volk hilft sich selbst, und bald findet es wieder geeignete Führer(LV). Volero bringt das Gesetz ein, ut plebei magistratus tributis comitiis fierent(cap. LVI), und bricht dadurch den Einfluß der Patrizier auf die Tribunenwahlen. Die damit bedingte Verschärfung des Streites erreicht ihren Höhepunkt, als sich Laetorius und Appius gegenübertreten. Im Streite zwischen Consul- und Tribunengewalt scheint das Gemein- wesen aus den Fugen zu gehen, bis die gemäßigten Patrizier den Appiuas zum Nachgeben veran- lassen und somit den Sieg der Plebejer zugeben. Psychologisch interessant ist es, den Kampf des höher gebildeten Appius und des geraddenkenden, aber ungebildeten, nicht redegewandten Laetorius zu beobachten. Der Prozeß des Appius(cap. LXI) liefert Beiträge zur Kenntnis des Ge- richtswesens(diem dicere, vestem mutare, causam dicere, diem prodicere, rem trahere) und tritt in Verbindung mit dem früher Gelernten. Ferner giebt der Tod dieses Mannes dieselbe Lehre,
¹) cf. Ackermann, die Psychologie im Unterricht; a. a. O.


