Aufsatz 
Die Schriftstellerlektüre der Ober-Sekunda nach den Grundsätzen der Konzentration : 1. Teil / von August Ahlheim
Entstehung
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man sich mit Übergehung der Verfassungskämpfe den auswärtigen Kriegen zuwenden. Hier würden dann im 1. Tertial die Kämpfe behandelt, die zur römischen Herrschaft über das westliche Becken des Mittelmeeres führten; auch die Geographie der Länder, in denen sich die Ereignisse abspielen, küůme zur Behandlung. Unterdessen gäbe die lateinische Lektüre Gelegenheit, als Er- gänzung des Geschichtsunterrichts und zugleich als Vorbereitung auf die im 2. Tertial zu behan- delnden socialen Wirren an den ersten Büchern von Livius die von Frick a. a. O. gefundenen Re- sultate über den Aufbau eines Staates und das Wichtigste über den Ständekampf den Schüler erarbeiten zu lassen und ihm so ein besseres Verständnis dafür beizubringen, als dies in einigen Geschichtsstunden möglich wäre. Auch ein moralischer Nutzen für ihn käme dabei noch in Be- tracht;er erarbeitet sich den intellektuellen Genuß, den dies Betrachten längst entschwundenen Lebens gewährt, während er dem Geschichtsvortrag des Lehrers bloß folgen kann, gelangweilt, wenn er langweilig, neugierig, wenn er anziehend ist, aber in jedem Falle ohne jene intensive Freude, welche die ernste produktive Arbeit gegenüber der bloß receptiven begleitet.¹)) Ein Be- denken gegen obigen Vorschlag möchte ich nicht unerwähnt lassen, nämlich daß die ersten Bücher dem Schüler viel mehr Schwierigkeit machen als die der 3. Dekade. Hier muß deshalb die Vor- bereitung in der Klasse sehr eingehend sein, wenn der Schüler nicht auf unübersteigliche Hinder- nisse stoßen soll. Deshalb möchte ich einen weiteren Vorschlag zur Erwägung stellen. Da ja doch im I. Tertial der 2. pun. Krieg in der Geschichte zur Behandlung kommt, so könnte man vielleicht als Vorbereitung hierauf zuerst eine Auswahl aus der 3. Dekade lesen und dann im 2. Tertial parallel mit den Agrarbewegungen, die in der Geschichte durchgenommen werden, die ersten Bücher lesen. Manches, wie z. B. die Verurteilung des Spurius Cassius, sind ja doch nur Rekonstruktionen aus der Gracchenzeit; freilich würde dann die lat. Lektüre diesen Bewegungen erst nachfolgen können und die Vergillektüre müßte ans Ende des Schuljahres verlegt werden, so daß bei diesem Vorschlag dem sprachlichen Vorteile, daß das Leichtere zuerst gelesén würde, sach- liche Bedenken mindestens die Wage hielten.

Daß uns eine Beschränkung auf B. I nicht richtig scheint, erhellt schon aus dem oben Gesagten; vielmehr wird eine Auswahl am Platze sein, etwa wie sie Haupt) vorschlägt, von dem ich aber wegen der Verschiedenheit des Ziels im folgenden vielfach abweichen werde. Maßgebend für die zu treffende Auswahl wird der Gesichtspunkt sein müssen, daß wir den Aufbau eines Staates kennen lernen wollen. Alles, was hierauf keinen Bezug hat, wird also auszuscheiden sein. Somit fällt vor allem die Masse der didaktisch wertlosen kriegerischen Ereignisse weg und nur, was zur Kenntnis der Verfassungsgeschichte beiträgt, hat Anspruch auf Berücksichtigung. Aus diesem Grunde werden wir auch die Erzählung von der sagenhaften trojanischen Abstammung übergehen, und zwar um so mehr, als ja die Vergillektüre zu deren Betrachtung eine viel passen- dere Gelegenheit bietet. UÜbrigens wird auch die Geschichte hier helfend eingreifen, indem sie kurz den historisch richtigen Kern der Sage(so z. B. das durch die Natur der Verhältnisse be- gründete Vorrücken von den Höhen des Apennin nach den Vorbergen, den Albanerbergen und den römischen Hügeln, bis zum Meere) und die Khnlichkeit mit verwandten Sagengebilden) (Eteokles und Polyneikes Numitor und Amulius, Cyrussage, Gudrunsage, Moses) kurz feststellt. Für unsere Zwecke wird den Ausgang zu bilden haben: die Gründung Roms cap. VI3. Voraus- gehen lassen wir aber die inhaltlich wertvolle Einleitung. In dieser giebt Livius zunächst sein

¹) O. Jäger, Bemerkungen über den geschichtl. Unterricht p. 38.

²) Haupt, Uber die Verwertung des Livius im Geschichtsunterricht, Progr. Wittenberg, 1890.

³) W. Scherer, Gesch. d. deutsch. Litt. S. 5. Die heutige Wissenschaft schließt aus der Geschichte auf die Verwandtschaft der Völker, auf Urnationen, die sich durch Wanderung ausbreiten und verzweigen;. sie schließt aus der Verwandtschaft der Mythologien und poetischen Motive auf eine Urmythologie und Urpoesie.