Aufsatz 
Die Schriftstellerlektüre der Ober-Sekunda nach den Grundsätzen der Konzentration : 1. Teil / von August Ahlheim
Entstehung
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Weiter ab scheint die griechische Lektüre zu liegen. Herodot behandelt wichtige Epochen der griechischen Geschichte, und Homer läßt die griechischen Heldensagen wieder in unserem Geiste aufleben. Doch die Verschiedenheit der Stoffe ist nur eine scheinbare. Die Perser- kriege fallen ebenso unter den Begriff der Freiheitskriege wie die punischen und sind ebenso wie diese Siege der Kultur über Barbarei. Ja sogar den Schauplatz der Handlung(Sizilien) und handelnde Personen(Karthager) haben sie zum Teil gemeinsam. Und daß ihre Behandlung durch Betrachtung des Schauplatzes wieder in engster Verbindung zur römischen Geschichte steht, die sich teilweise in denselben Gegenden abspielt, braucht bloß angedeutet zu werden. Auch die Ver- wandtschaft zwischen Odyssee, Nibelungenlied und Rneis ist einleuchtend.

Ungleich wichtiger als diese äusseren Anknüpfungen sind in der inneren Gleichartigkeit der Stoffe zu suchen. Der Despotismus des Tarquinius Superbus findet sein Gegenstück in dem des Xerxes, das Verderbliche des Partikularismus und den Segen der Einheit zeigen die Samniter- kriege wie die Perserkriege, und in begeisterter Vaterlandsliebe und Aufopferungsfähigkeit wett- eifern die Griechen während der persischen und die Römer während der punischen Kriege. Die Stoffe fordern also zur Konzentration und Typenbildung geradezu heraus.

Möchte es uns gelingen, mit den folgenden Ausführungen dazu beizutragen, die wichtige Frage der Konzentration im Fluß zu halten und andere zum Mitarbeiten zu veranlassen, damit an Stelle desnoch vielfach waltenden Zufalls und Lehrplan-Aggregates ¹) ein Lehrplansystem(Frick, Lehrpr. 12) tritt!

A. Prosalektüre.

Welche Bücher von Livius für die Lektüre am geeignetsten seien, darüber gehen die Urteile im einzelnen weit auseinander; nur darin, daß das 21. und 22. als obligatorisch anzusehen seien, herrscht UÜbereinstimmung. Auch die Einleitung und das 1. Buch werden mitunter noch dazu genommen, weil die Sagen aus dem Kindesalter eines historischen Volkes für die Jugend von Interesse seien, während Schiller²) außer der Lektüre von 21 und 22 noch die einzelner Partien aus dem 29. und 30. Buch mehr empfehlen möchte, da man in 1.doch nur den Niederschlag einer verhältnismäßig späten Spekulation, Reflexion und Konstruktion finde. Aber eben diese Reflexionen zeigen in höchst instruktiver Weise das W9erden und den Aufbau eines Staates.

Diese Kenntnis hält Frick³) für so wichtig, daß er im Geschichtsunterricht der Quarta volle 13 Stunden auf die Königsgeschichte verwenden will, während es Oscar Jäger) polizeilich verboten haben möchte, der römischen Geschichte vor 264 mehr als 6 Stunden zu widmen. Fricks Vorschlag ist bei unserem Lehrplan, nach dem der römischen Geschichte in IV nur ca. 40 Stunden zufallen, schon wegen der Kürze der Zeit undurchführbar. Außerdem müßte das Material zu den für den Quartaner recht, manchmal sogar zu schwierigen Schlüssen von dem Lehrer dargeboten werden. Denn auch eine Art Quellenlektüre, wie sie z. B. das lat. Lesebuch von Lhomond ermög- licht, kann wegen der geringen Menge der Lektüre, die auf dieser Stufe bewältigt werden kann, nur wenig fördern. Aus den angeführten Gründen möchten wir eine eingehende Behandlung dieser Partie der OII und zwar der Liviuslektüre zuweisen. In der Geschichte wird dann, wie O. Jäger und Schiller wollen, die Königsgeschichte nur in ihren Resultaten vorzuführen sein; dann könnte

¹) Ackermann, ÜUber Konzentration des Unterrichts inPädagogische Fragen I. Reihe, 2. Aufl. Dres- den, 1891..

²) Hdb. d. prakt. Pädagogik S. 417. Vgl. auch Eckstein, Lateinischer Unterricht, S. 623.

) Lehrproben XXI. undVerhandlungen p. 396.

4) Das humanistische Gymnasium und die Petition um durchgreifende Schulreform. Wiesbaden 1889; p. 52 und wiederholt inVerhandlungen p. 393.