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wird z. B. die römische Gemeindeverwaltung in ein helleres Licht gerückt durch einen Vergleich mit heimischen Verhältnissen; die Besprechung der Steuern und Wahlen in Rom und Athen wird zu Vergleichen mit der Neuzeit führen müssen; und bei der Behandlung der socialen Frage in Rom ist es unumgänglich nach rückwärts die socialistische Gesetzgebung des Lykurg und nach vorwärts gehend die Bauernkriege des Mittelalters sowie die Socialdemokratie der Gegenwart zu streifen. Xhnlich ist es auf dem Gebiet des Militär- und Gerichtswesens. Hier können und müssen die Grundlagen für das Verständnis der Gegenwart gelegt werden, ohne daß wir damit Politik in der Schule treiben wollen. Denn das Elternhaus ist vielfach nicht in der Lage dazu, und die Uni- versität setzt dergleichen als bekannt voraus, während doch die Ubergangszeit zwischen Gymnasium und Hochschule gewöhnlich nicht zur Aneignung derartiger Kenntnisse benutzt wird. Aber irgendwo müssen sie doch erworben werden. Und schließlich ist es doch klar, daß für den künftigen Staats- bürger, zumal wenn er eine leitende Stellung einnehmen soll, es ungleich wichtiger ist, sich über die Grundprinzipien des Staatslebens klar zu sein, als die Entfernungen von Sonne und Mond be- rechnen zu können. Daß wir dazu den Weg durch das Altertum wählen, hat seinen guten Grund. Denn einmal sind dort alle Verhältnisse und Personen viel durchsichtiger und einfacher als die der Gegenwart, und dann erscheinen sie dort viel idealer und reiner, losgelöst von allen Schlacken des Alltagslebens. Der Humanismus ist deshalb stets ein Stück Idealismus gewesen, und das ist in unserer materiellen Zeit sehr wichtig. Denn„die höheren Schulen müssen aus dem Idealismus des Altertums ihre Nahrung saugen, wenn sie Generationen heranbilden wollen, welche den Kampf mit dem atomisierenden Individualismus und dem geistigen Gegengift desselben, dem kommunistischen Socialismus aufzunehmen befähigt sind“.¹)
Wie die Stoffauswahl in OII im allgemeinen zu treffen sei, habe ich auf Grund der dort gemachten Erfahrungen in meinem oben citierten Aufsatz auseinanderzusetzen versucht. Was nun speciell die Lektüre betrifft, so scheint hier der Grundsatz maßgebend, daß die Bildung, die das Gymnasium erteilt, wesentlich geschichtliche Bildung ist.2) Der hessische Lehrplan weist dieser Klasse die römische Geschichte zu und fordert auf der Oberstufe auch Eingehen auf die Quellen. ³) Der lateinische Schriftsteller für diese Klasse ist also Livius, aus dem über die Königszeit und den Ständekampf Auszüge gelesen werden, während dann der 2. punische Krieg zur Behandlung kommt, und der Held, der unser Interesse auf sich zieht, ist in erster Linie Hannibal. Auch aus Vergil sind die Stücke auszuwählen, die sich auf Rom und Karthago beziehen. Die Haupt- eigenschaften des Aeneas sind pius und fortis. Das historische Abbild dieses Helden ist Augustus, in dem sich die genannten Eigenschaften wiederholen.(Erneuerung vieler Kulte, seine Kriege, Staatengründung, Gesetzgebung.) Deshalb kommen weiter die auf Julus und Marcellus bezüglichen Abschnitte zur Behandlung. Sind also hier die Beziehungen zum Geschichtspensum sehr nahe- liegend und zahlreich, so läßt sich von den hervorgehobenen Eigenschaften der pietas und fortitudo sehr leicht die Brücke zur deutschen Lektüre schlagen, da gerade dort(Nibelungenlied, Gudrun, Walther, Hermann und Dorothea) der Begriff der Treue in den Vordergrund tritt.
Schiller, Bedarf es eines besonderen Unterrichtsgegenstandes, um den Schülern höherer Lehr- anstalten die Kenntnis der staatl. Einrichtung ihres Vaterlandes zu sichern? Ztschr. f. d. G. W. 1888, S. 401.
Die Mitarbeit der Schule an den nationalen Aufgaben der Gegenwart. Berlin, Gärtners Verlag 1890.§. 21.
Auch W. Münch, Vermischte Aufsätze über Unterrichtsziele und Unterrichtskunst an höheren Schulen, Berlin, Gärtners Verlag, 1888, S. 37 weist ganz mit Recht darauf hin, daß eine notwendige Voraussetzung zur Vaterlandsliebe die Kenntnis nationaler Einrichtungen in der Gegenwart sei.
¹) O. Willmann, Die sociale Aufgabe der höheren Schulen; Braunschweig, Vieweg& Sohn, 1891. ²) O. Jäger, Bemerkungen über den geschichtlichen Unterricht. ² Wiesbaden 1882. p. 21. 0. Frick, Unmaßgebliche Vorschläge zur Gestaltung des neuen Gymnasial-Lehrplans; Lehrpr. 28 S. 18. ³) Auch die preuß. Lehrpläne von 1891 verlangen S. 25 im Interesse der Konzentration„die nähere Ver- bindung der Prosalektüre mit der Geschichte“. 1*


