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Iſt aber der Geiſt einmal auf dieſe Weiſe in den Beſitz von Begriffen gelangt, ſo kann er auch den umgekehrten Weg der Syntheſe einſchlagen und aus einfachern Begriffen andere zu⸗ ſammenſetzen z. B. aus den Begriffen Obſtbaum und Pfirſiche(und zwar nach Analogie von Apfelbaum, Birnbaum und andern, aus denen der Begriff Obſtbaum abſtrahirt iſt) den Be⸗ griff Pfirſichbaum, ohne daß die entſprechende Anſchauung ſchon vorhergegangen wäre. An deren Stelle tritt einſtweilen ein Phantaſiebill. 1,n ul ua e ee
Ob jedoch den auf dieſe Weiſe gebildeten Begriffen Gegenſtände entſprechen und ob ſie logiſch wahr ſind, muß anderweitig, durch Erfahrung und Vernunft, entſchieden werden. So iſt dieſes z. B. bei den ſynthetiſchen Begriffen goldener Berg, Krokodilenthräne, Wolkenkuckucksburg, Centaur, Chimäre, ſpitzwinkliges Quadrat, Dekaeder ꝛc. nicht der Fall, wohl aber bei andern(vorausgeſetzt, dieſe ſeien auf dem Wege der Syntheſe gebildet worden) z. B. Straußenei, ſphäriſches Dreieck, Sinncäſur, Gerngroß, Zoophyt u. ſ. w.
Immerhin iſt die Syntheſe ein wichtiges Mittel des Verſtandes ſeine Begriffswelt zu er⸗ weitern und neue Begriffe zu bilden.
Das zuſammengeſetzte Wort iſt als ſolches noch kein hinreichendes Kriterion für die ſynthetiſche Bildung des Begriffes. 12u 4.
§. 6.,
Von dem Begriffe eines Dinges iſt wohl zu unterſcheiden das Bild oder Schema des⸗ ſelben z. B. von dem Begriffe Baum, d. i. Verſtandesvorſtellung desjenigen, was Pflanze iſt und nur Einen holzigen Schaft hat, das Bild eines Baumes d. i. Phantaſievorſtellung eines Dinges, 5 Wurzel, Stamm und Zweige, dieſe oder jene Blätter hat, eine gewiſſe Geſtalt, Größe beſitzt u. ſ. w. 12
bregtenes iſt entweder eine einzelne, mehr oder weniger treu reproduzirte Anſchauung oder iſt aus mehreren Anſchauungen durch die Einbildungskraft entworfen. Dieſe begleitet mehr oder minder bewußt und lebhaft, aber unwillkürlich und nothwendig(in Folge des in der Doppelnatur des
Menſchen begründeten Dranges das Geiſtige zu verkörpern) alle Begriffe des Verſtandes mit ſolchen Bildern, ſelbſt die überſinnlichen z. B. Gott, Engel, Raum, Zeit, die logiſch falſchen und rein imaginären z. B. rundes Viereck, Dekaeder, Chimäre.— 73
Ideal heißt ein ſolches Bild, wenn es generell iſt und die möglichen Vollkommenheiten der
Einzelvorſtellungen in ſich vereinigÄt. So namentlich auf dem Gebiete der Kunſt, weil dieſe nie bloße Nachbildung der Natur iſt, ſondern das Unvollkommene und Zufällige von den einzelnen An⸗ ſchauungen der wirklichen Dinge abſtreift, und auf dem Gebiete der Ethik, wo das Ideal, als Inbegriff ſittlicher Vollkommenheit, zum Vorbild wird d. h. durch die Anſchauung auf den Willen eine bewegende Kraft ausübt. 5
7§....
Ebenſo iſt von dem Begriffe ſtrenge zu unterſcheiden das Wort z. B. Baum, 067000, arbor, arbre ac., Wörter, die alle ein und denſelben Begriff bezeichnen..
Das Wort iſt nämlich nur ein äußeres Zeichen, woran wir als geiſtig⸗ſinnliche Weſen die innere Vorſtellung knüpfen und welches nach dem Geſetze der Reproduktion unſerer Vorſtellungen (durch Aſſociation) den Begriff wie auch ſein Bild in uns und andern weckt. Mnial.
Nur mittelſt ſolcher Zeichen— und für die Worte ſchafft der erfinderiſche Menſchengeiſt als⸗ bald wieder andere, ſekundäre Zeichen, die verſchiedenartige Schrift— können wir unſere Vor⸗ ſtellungen andern mittheilen. Dieſes wird um ſo vollkommener geſchehen, je glücklicher das Zeichen


