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Tehre vom Begriffe. I. Weſen und Eutſtehung der Begriffe.
§„ 1.
Begriff im weitern Sinne oder Verſtandesvorſtellung heißt jede durch Denken ge⸗ wonnene einheitliche Vorſtellung. Er iſt zu unterſcheiden von der Sinnesvorſtellung oder der Anſchauung d. i. der durch unmittelbares Wahrnehmen(äußeres oder inneres) gewon⸗ nenen Vorſtellung. Begriffe hat nur ein denkendes, mit Verſtand begabtes Weſen, Anſchauungen (äußere) auch das Sinnenweſen, das nur empfindet und wahrnimmt. Begriffe ſind mittelbare, Anſchauungen unmittelbare Vorſtellungen.
9.172.
Die Begriffe ſind nun entweder der Art, daß ſie nur die in Folge entſprechender Anregung denkend thätige Seele vorausſetzen, insbeſondere das Vermögen, die eigenen innern Vorgänge an⸗ zuſchauen, zu unterſuchen und zu prüfen d. i. Reflexion, oder ſie ſind der Art, daß ſie außerdem als ſolche durch Anſchauung äußerer, ſinnlich wahrnehmbarer Gegenſtände bedingt ſind. Jene nennt man reine, aprioriſche oder angeborene Begriffe— wiewohl ſie erſt allmählich zum Vor⸗ ſchein kommen— z. B. Ich, Gott, Sein, Urſache und Wirkung, Grund und Folge, haben, wirken, erleiden, Einheit, Vielheit, Beſchaffenheit, Beziehung u. ſ. w., dieſe empiriſche, apoſterioriſche z. B. Baum, Haus, Thier, Blitz, Donner, Kunſt, Tugend u. ſ. w.
Die erſtern ſind nothwendig überſinnliche oder nichtſinnliche(reingeiſtige) Begriffe, d. h. ſie beziehen ſich auf Gegenſtände, die nicht ſinnlich wahrnehmbar ſind, aber die letztern ſind nicht nothwendig ſinnlichez ſie heißen mit Recht nur dann ſo, wenn ſie Vorſtellungen von Dingen ſind, welche Gegenſtand einer Wahrnehmung durch die Sinne werden können.
Ob die reinen Begriffe der Seele wirklich angeboren ſind d. h. ihr von Hauſe aus anhaften, ihr imma⸗ nent, gleichſam ſchlummernd und latent in ihr vorhanden ſind, ſo daß es nur des geeigneten Anlaſſes bedarf, ſie wach und ins Bewußtſein zu rufen, wird von andern beſtritten. Thatſache iſt es, daß die Vernunft ſie überall mit gleicher Nothwendigkeit bildet.
§. 3.
Sowohl die empiriſchen als auch die reinen Begriffe ſetzen jedoch Anſchauungen voraus, die einen äußere, die andern innere.
So entſteht z. B. der reine Begriff Ich aus der Anſchauung des eigenen Denkens, der vielfachen, unaufhörlich wechſelnden innern Vorgänge, indem die Vernunft mit Nothwendigkeit auf einen einheitlichen Träger der mannigfaltigen Erſcheinungen, deren die Seele ſich als der ihrigen bewußt iſt, auf ein Dauerndes in jenem Wechſel der Vorſtellungen u. d. h. auf ein vorſtellendes Subjekt ſchließt. Auch die reinen Begriffe Sein, Urſache und Wirkung, Grund und Folge, haben, thuen, erleiden u. a. gewinnt der Geiſt in dieſem Akte des Selbſtbewußt⸗ ſeins, ohne daß es dazu anderer Vorausſetzungen bedürfte.
Dieſe Begriffe, deren Erzeugung lediglich die denkend thätige Seele vorausſetzen, werden auch wohl Ur⸗ und Stammbegriffe, Kategorien, genannt. 1


