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Die erſte Berückſichtigung verdient und erfährt auch hier das rein Thatſächliche, da an ihm zunächſt das Intereſſe haftet. Es müſſen deshalb die Hauptthatſachen der Erzählung u. ſ. w. behufs ſicherer Einprägung noch einmal hervorgehoben werden.
Darnach richtet ſich die Aſſoziation auf die Verknüpfung der ethiſchen Momente, und zu dieſem Zwecke wird der Inhalt des Geleſenen noch einmal in Gedanken durchlaufen, damit die bleibenden Charakterzüge der einzelnen Perſonen aus deren einzelnen Worten und Handlungen erkannt und zu einem Geſamtbilde vereinigt werden können. Dieſes wird ſodann mit anderen ſchon be⸗ kannten Charakterbildern— verwandten wie anders gearteten— zuſammengeſtellt und verglichen(der brave Mann, Johanna Sebus, der Lotſe, Leopold von Braunſchweig, Alexander Boucher, Garrick n. ſ. w.).
Alles begriffliche(theoretiſche und ethiſche) Material, das auf dieſe Weiſe durch die Aſſoziation gewonnen wurde, iſt ſodann auf der Syſtemſtufe zu fixieren und zu formulieren. Für das theoretiſche Wiſſen ſtellt man(an der Hand von Stichwörtern) eine Inlhaltsſkizze feſt; wenn ein Charakterbild herausgearbeitet worden iſt, wird auch dieſes kurz ſkizziert, und die ethiſchen Geſetze läßt man in einen Bibelſpruch, ein Sprichwort, oder eine Sentenz zuſammenfaſſen.(Beiſpiel zu der Hebelſchen Erzählung„Der Star von Segringen“: Beſſer allein als in böſer Gemein. Mitgegangen, mitgefangen; mitgefangen, mitgehangen.— Wer ſich nicht beſtäuben will, der bleibe aus der Mühle.— Böſe Geſellſchaften verderben gute Sitten.— Sage mir, mit wem Du umgehſt, und ich werde Dir ſagen, wer Du biſt.— Ein faules Ei verdirbt den ganzen Brei.— Ein räudig Schaf ſteckt die ganze Herde an.— Des Laſters Bahn iſt anfangs zwar ein breiter Weg durch Auen; allein ſein Fortgang bringt Gefahr, ſein Ende Nacht und Grauen)..
Auf der Stufe der Methodde ſoll zunächſt die Probe abgelegt werden, ob die gewonnenen Begriffe und Urteile wirklich völlig in das geiſtige Eigentum der Schüler übergegangen und ob dieſe imſtande ſind, den Weg der Tugend von dem des Verderbens zu unterſcheiden. Hierzu ſind beſonders die Stoffe der kurſoriſchen Lektüre heran zu ziehen und zu benutzen. An ihnen iſt nämlich von den Schülern nachzuweiſen, wie dieſer oder jener ethiſche Satz, deſſen Wahrheit ſie ſoeben beim ſtatariſchen Leſen erkannt haben, zur Erſcheinung kommt.(Hat ſich z. B. bei der Behandlung der bibliſchen Geſchichte von David und Jonathan ergeben, daß Freunde verpflichtet ſind, ſich Treue zu halten, ſo kann man fragen, wie ſich das zeige in dem Leſeſtück[Kurſor. Lektüre]„Treuer Tod“). Auf dieſe Weiſe werden dann auch die ethiſchen Begriffe nicht nur ihrem Umfange nach erweitert, ſondern auch inhaltlich geklärt und befeſtigt. Damit ſie ſich aber auch bei den Schülern zum perſönlichen Gewiſſensinhalt, zum ewigen inneren Geſetz geſtalten, welchem die pſychiſche Kraft innewohnt, mitzuarbeiten an der Umge⸗ ſtaltung ihrer jetzigen und hoffentlich auch ſpätern Gedankenkreiſe, ſo muß die ethiſche Einſicht auch auf das Leben der Kinder zurückbezogen werden. Dieſe Aufgabe fällt aber zu allernächſt und aller⸗ meiſt der Familie anheim. Die Schule kann zu deren Erfüllung nur in geringem Maße behülflich ſein und dann auch weniger durch den Unterricht, als durch die Sonderfälle der Zucht.
Es bedarf nicht erſt der beſonderen Erwähnung, daß die Behandlung der deutſchen Muſter⸗ ſtücke auch der Geiſtesbildung im allgemeinen, ſowie der Sprachbildung im beſonderen zu dienen hat. Aber darin beſteht keinesfalls ihre Hauptaufgabe. Das ſind Unterziele. Göthe ſagt:„Wer das Gefühl an einer einzigen guten That, an einem einzigen guten Gedicht erwecken kann, leiſtet mehr, als einer, der uns ganze Reihen untergeordneter Naturbildungen der Geſtalt und dem Namen nach überliefert“, oder fügen wir hinzu, die Kenntnis der Sprachformen für den weſentlichen Zweck des deutſchen Unterrichts erachtet.„Wenn die Rede der Schüler durch Vertrautheit mit den beſten Muſtern muſterhaft wird, ſo iſt dies ein hoher Gewinn, ein höherer, wenn ihr Herz rein erhalten, der höchſte aber, wenn der Grund ihrer Seele mit Begeiſterung für das Edle und Große, mit Willensſtärke und Thatkraft, ihm nachzuringen, mit Gottesfurcht und Gottvertrauen befruchtet wird.“
Krausbaner.


