Aufsatz 
Der deutsche Lesestoff für Quinta
Entstehung
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ſie nicht zerpflücken, um ihren inneren Bau zu zeigen, man hat ſie vielmehr, um ihnen von allen Seiten das rechte Licht zu geben, nur hin und her zu wenden, ſtörende Blättchen beiſeit zu ſchieben und dann mit leiſem Finger den Farbenglanz, den inneren Bau und gleichſam wie durch ein Fenſterlein die Blumenſeele zu zeigen.

Wenn der Abſchnitt auf dieſe Weiſe durchgearbeitet iſt, wird ihm von den Schülern eine Ueberſchrift gegeben, und dann findet eine nochmalige berichtigte Zuſammenfaſſung ſtatt. Und ſo wird jeder folgende zunächſt für ſich behandelt und dann an den vorhergehenden angeſchloſſen. Und nach⸗ dem ſämtliche Abſchnitte geleſen, wiedergegeben, erklärt und mit einer Ueberſchrift verſehen ſind, folgt die Erzählung des Ganzen, zunächſt an der Hand der Ueberſchriften, dann ohne dieſelben, und zwar zunächſt von den beſſern und hernach auch von den ſchwächern Schülern.

Und damit iſt der erſte Teil der zweiten Stufe, die Auffaſſung des äußerlich Thatſächlichen, beendigt. Mit ihr iſt aber die Darbietung nicht erſchöpft. In einem zweiten Schritte iſt die An⸗ eignung des in dem Stoffe liegenden ethiſchen Materials zu bewirken, und hierin liegt nicht nur der Schwerpunkt der ganzen zweiten Stufe, ſondern überhaupt die Krone und Zierde der ganzen Lern⸗ arbeit. Hier iſt auch die Stelle, wo die Perſönlichkeit des Lehrers ſchwer in die Wagſchale fällt. Ohne die Durcharbeitung des Normalſtoffes nach dieſer Richtung würden die in ihm liegenden ethiſchen Ideen das Schickſal der Samenkörner teilen, die auf den Fels fallen: ſie können nicht Wurzel faſſen. Der ſittliche Charakter beruht auf Ueberzeugungen, auf klaren Einſichten; die können aber nur durch Beurteilungen gewonnen werden. Und deshalb müſſen die Perſonen und ihr Handeln in ihrem Wert oder Unwert von den Schülern betrachtet, ſie müſſen Gegenſtand ihrer ſittlichen Beurteilung werden. Zu dieſem Zwecke iſt es von größter Wichtigkeit zu erfahren, für welche Geſtalten der Dichtung ſie Partei ergriffen haben. Man frage deshalb: Was gefällt Euch und was nicht? Warum? Dann aber muß das Urteil zu einem ruhig⸗klaren, feſten und beſtimmten ausgebildet werden. An dieſe Klarlegung der ethiſchen Verhältniſſe kann ſich in ein⸗ zelnen Fällen(Stöberſche ErzählungDer Haken) eine pſychologiſche Betrachtung der Handlung anſchließen. Dem Zögling werden zu dieſem Zwecke die Fragen geſtellt: Wie mag dieſe oder jene Geſinnung in der oder der Perſönlichkeit entſtanden, wie mag dieſer Mann zu dieſer oder jener Hand⸗ lungsweiſe gekommen ſein? Es gilt alſo, die Quellen aufzudecken, die Beweggründe zu den Thaten zu erforſchen, die Vorgänge im Innern der handelnden Perſonen zu enträtſeln, dem Werden der Perſönlichkeit nachzuſpüren. Und das Bild der einzelnen Geſtalten klärt ſich in unſerm Innern um ſo mehr die einen erſcheinen uns um ſo bewundernswerter, die andern um ſo verabſcheuungs⸗

würdiger, je tiefer wir in ihr Herz geblickt haben. Solches Forſchen giebt auch Menſchen⸗ und Selbſterkenntnis.Willſt Du Dich ſelber erkennen, ſo ſieh, wie die andern es treiben; willſt Du die andern verſtehen, blick in Dein eigenes Herz. Hier bietet ſich auch die geeignetſte Gelegenheit im Unterrichte dar, die Kinder zu der für den werdenden Charakter ſo wichtigen Erkenntnis der Wahr⸗ heiten zu bringen:Das eben iſt der Fluch der böſen That, daß ſie fortzeugend Böſes muß gebären, und:Nur heut, nur heut laß Dich nicht fangen, ſo biſt Du hundertmal entgangen. Die ethiſche Beurteilung hat indes notwendigerweiſe der pſychologiſchen vorauf zu gehen; denn ſonſt läuft man Gefahr, daß das Kind jeden Beifall oder Tadel ſchweigen läßt, da ja alles geſetzmäßig in einer kauſalen Reihe verläuft. Daß dieſe ethiſch⸗pſychologiſchen Betrachtungen ſich nur auf das Aller⸗ wichtigſte richten können, iſt ſelbſtverſtändlich.

Nachdem die Dichtung auch nach dieſen höhern Geſichtspunkten durchdacht iſt, findet eine nochmalige Geſamtwiedergabe des Thatſächlichen ſtatt, in welche der Schüler nunmehr auch die ge⸗ wonnenen ethiſchen Gedanken, je nach ſeinem individuellen Erfaſſen derſelben, mit aufnimmt.

Iſt ſo das volle Verſtändnis des Leſeſtückes herbeigeführt, ſo erfolgt das Einleſen des⸗ ſelben. Die poetiſchen Stoffe werden außerdem memoriert.

Damit hätte die zweite Stufe der Behandlung, und mit ihr der Apperzeptionsprozeß⸗ ſeinen Abſchluß gefunden.

Auch die Aſſoziation, welche durch mannigfache Vergleiche das Unweſentliche und Zu⸗ fällige auszuſcheiden, das Weſentliche aber zu befeſtigen und deſſen Gebrauch zu ſichern hat, erfolgt, wie die Syntheſe, nach zwei Seiten.