auszuführen, der Lehrer oder ein Schüler? Allgemein läßt ſich dieſe Frage nicht entſcheiden. Für jeden gegebenen Fall ſind teils ſubjektive, teils objektive Geſichtspunkte(Entwicklungsſtand des Schülers — Beſchaffenheit des Leſeſtoffes) entſcheidend. Hervorzuheben iſt jedoch, daß das gute Vorleſen ſeitens des Lehrers ein nicht zu unterſchätzendes Mittel iſt, dem Geiſte des Kindes das Verſtändnis deſſen zu öffnen, was das Ohr vernimmt. Oft verſteht das Kind einen Satz, den es lieſt, bloß darum nicht, weil es nicht richtig betont, und oft hilft da ein einfaches Vorleſen mehr zum Ver⸗ ſtändnis, als eine lange Erläuterung. Aber noch mehr. Es wird in dem guten Vorleſen den Schülern auch ein Muſter des Ausdrucks und der Betonung gegeben, durch welches ſie ein Gefühl für das Richtige erhalten. Zu gleicher Zeit werden Fehler in der Auffaſſung verhütet. Wenn ein Schüler vorlieſt, liegt nämlich die Gefahr nahe, daß er falſch auffaßt und darum auch falſch betont und dadurch den Schülern Gelegenheit zu falſcher Auffaſſung bietet.„Und es iſt eine bekannte Erfahrung, daß gerade Fehler in der Auffaſſung und beim Leſen wie eine anſteckende Krankheit unter den Schülern wirken und erſt durch öftere mühevolle Korrektur wieder verbannt werden können.“— Auf die Vermittlung der Totalauffaſſung folgt dann die Behandlung des erſten Abſchnittes. Derſelbe wird zunächſt einige Male(von den beſſeren Schülern) geleſen. Darauf folgt die Ein⸗ führung in den Inhalt des Geleſenen. Manches haben die Schüler beim Leſen unmittelbar aufgefaßt, vieles muß aber ihrem Verſtändnis erſt erſchloſſen werden. Ein guter Gradmeſſer für die Auffaſſung iſt die mündliche Wiedergabe des Geleſenen, und ſie folgt deshalb direkt auf das Leſen. Dabei iſt natürlich dem individuellen Ausdruck der weiteſte Spielraum zu geſtatten. Etwa im Vortrage vor⸗ kommende Fehler werden verbeſſert, Ungenaues wird richtig geſtellt, Unvollſtändiges ergänzt, und zwar durch die Mitſchüler.
Bei der mündlichen Wiedergabe des Geleſenen wird ſich zeigen, daß die Schüler manche Ausdrücke der Dichtung vermeiden, manche Gedanken ganz übergehen. Trotz der Vorbereitung und trotz des Vorleſens ſind ſie ihnen unklar geblieben. Aber ſelbſt dann, wenn das Erzählen ganz glatt abläuft, iſt damit die richtige Auffaſſung des Geleſenen noch nicht verbürgt. Die Kinder gebrauchen eine ganze Reihe von Wörtern gar maulfertig, und doch verſtehen ſie dieſelben nicht, da ſie mit ihnen, den Trägern der Vorſtellungen, dieſe ſelbſt nicht verbinden. Dieſes„Maulbrauchen“ iſt der größte Feind der Geiſtes⸗ bildung, denn es täuſcht Lehrer und Schüler über des letzteren wahren geiſtigen Beſitz. Es iſt deshalb zunächſt zu ermitteln, welche Stellen des Geleſenen von den Schülern nicht erfaßt worden ſind. Und Fragen wie: Wer hat etwas nicht verſtanden?— Wer wünſcht über dies oder jenes Aufſchluß? u. a., die natürlich vor der Wiedergabe des Geleſenen geſtellt werden müſſen, thun gute Dienſte. Aber ſie ſind nichta usreichend. Der Lehrer muß ſich durch Fragen vergewiſſern, ob die Schüler auch jene Partieen des Leſeſtücks, die ſie zu verſtehen meinen, wirklich aufgefaßt haben. Und da wird ſich herausſtellen, daß mancherlei Erklärungen nötig ſind. In vielen Fällen wird eine bloße Worterklärung genügen, das Verſtändnis herbeizuführen. Auf der Unter⸗ und Mittelſtufe iſt das einfachſte, weil kürzeſte Mittel derſelben, die Wortvertauſchung. Eine längere Auseinanderſetzung machen Synonyme nötig, weil den Kindern zum Bewußtſein gebracht werden muß, warum gerade dieſer und nicht ein verwandter Ausdruck gebraucht worden iſt. Auch auf die Etymologie können ſich unter Umſtänden die Erläuterungen ſtützen. Und der etymologiſchen Erklärung kommt die Luſt der Kinder an der Wortdeutung ſelbſt entgegen. Selbſtverſtändlich darf hier wie bei der Erklärung der Synonymen die Aufmerkſamkeit der Kinder nicht von der Hauptſache, der Dichtung, ab⸗ und auf die Wortreihen(ſynonymiſche und etymologiſche) hingeleitet werden.— Die Erläuterung der einzelnen Wörter macht aber nur die Begriffe in ihrer Iſoliertheit klar. Mit ihr muß deshalb die Satz⸗ erklärung Hand in Hand gehen; ſie unterſucht die Verbindung der Begriffe zu Urteilen, die Stellung der Sätze im Satzganzen, die Beziehung gewiſſer Wörter u. ſ. w. im Satze. Hier ſind altertümliche Wortſtellungen(Kaiſer Rotbart lobefam), der Gebrauch der doppelten Negation zur Verſtärkung der Verneinung, die in Hebelſchen Stücken ſich ſo häufig findenden Anakoluthien, beſon⸗ ders aber die Tropen und Redefiguren zu erklären. Bei Proſaſtücken, durch deren Behandlung die Schüler auch Anleitung und Weiſung für ihre eigene Darſtellung empfangen ſollen, iſt noch beſonders der Nachweis des Zuſammenhangs der Vorſtellungen zu betonen, und zwar geſchieht das am beſten an der Hand von Fragen, wie: Warum? Was folgt daraus? Unter welcher Bedingung? u. ſ. w. Poetiſche Stoffe ſind aber in dieſer Hinſicht zu behandeln wie keuſche duftige Blumen.„Man darf
—2“


