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So ſehr unſere Dichtungen an und für ſich zur Geſinnungsbildung geeignet ſind, ſo wird doch ihre Wirkung illuſoriſch durch eine unterrichtliche Behandlung, welche die pſychologiſchen Geſetze des Lernprozeſſes nicht berückſichtigt, und dadurch das Intereſſe beim Lernenden ertötet. Alles Lernen, ſofern es in naturgeſetzlicher Weiſe verläuft, erfolgt im großen und ganzen in zwei Haupt⸗ ſtadien: es iſt in ſeiner erſten Hälfte ein Apperzeptionsprozeß, in ſeiner zweiten ein Abſtraktions akt. Und je leichter und energiſcher die Apperzeption erfolgt, deſto ſicherer iſt auch das Gelingen der Abſtraktion, und damit der Erfolg des Unterrichts überhaupt, verbürgt.
Das Apperzeptionsmaterial(die Vorſtellungen) kann das Kind nur durch eigene Anſchauung gewinnen. Soll aber eine deutliche Anſchauung(ſinnliche oder phantaſiemäßige) in ihm zuſtande kommen, ſo muß es zunächſt perzeptionsbereit gemacht werden. Das geſchieht, indem ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von allem Zerſtreuenden abgezogen und auf das Dargebotene gerichtet und konzentriert wird. Deshalb kommt es darauf an, ſeiner Geiſtesarbeit ein Ziel ſo zu ſtellen, daß dieſes alle Gedanken auf ſich zieht und ſie gleichſam gefangen hält.
Die Perzeption muß ſodann zur Apperzeption werden. Das macht ſich aber nicht von ſelbſt; der geiſtige Inhalt des im Unterricht Gebotenen geht nämlich nicht ſo ohue weiteres in des Kindes Geiſt über. Es iſt eine weitverbreitete irrige Anſicht, die Kinder nähmen das, was ſie hören, unmittelbar in ſich auf. Nur diejenigen Vorſtellungsmaſſen treten in ihre Seele, welche Verwandtes in ihr antreffen.„Niemand hört, als was er weiß; niemand vernimmt, als was er empfindet“(Göthe). Das abſolut Neue wird ohne weiteres von der Seele zurückgewieſen. Und wenn dem kindlichen Geiſte Vorſtellungen aufgenötigt werden, denen nichts entgegentlingt (z. B. beim Memorieren unverſtandener Gedichte), ſo bleiben ſie iſoliert in der Seele als etwas rein Aeußerliches, als Angelerntes. Für die Apperzeption iſt alſo das Vorhandenſein von verwandten Vorſtellungen die conditio sine qua non, und der Unterricht hat deshalb zunächſt jene über die Schwelle des Bewußtſeins zu heben, damit ſie„auf der Wacht ſtehen, um ſich auf alles, was in den Thoren der Sinne ſich zeigt, zu ſtürzen, es zu überwinden und ſich dienſtbar zu machen.“ (Lazarus.) Aber das iſt nicht ausreichend. Ungeordnete und oberflächlich haftende Vorſtellungs⸗ komplexe haben nur geringe Apperzeptionskraft. Es muß deshalb auch dafür geſorgt werden, daß das apperzipierende Material befeſtigt und wohl gegliedert werde.— Dieſe doppelte Arbeit— die apperzipierenden Vorſtellungen über die Schwelle des Bewußtſeins zu heben, und ſie zu ordnen und durchzubildeu— übernimmt die Analyſe. Het ſie die rechte Verfaſſung des Geiſtes herbei⸗ geführt, ſo tritt dann
auf der Stufe der Syntheſe mit der Darbietung des Neuen wirklich die Apperzeption ein. Die Darbietung muß ſich beſonders davor hüten, das Intereſſe des Kindes durch zu große Stoffmaſſen zu erſticken. Es iſt mit der Kraft des Schülers zu rechnen, und nur ſo viel neue Vor⸗ ſtellungen dürfen zugeführt werden, als das Kind momentan aufzunehmen imſtande iſt. Alle ſynthe⸗ tiſche Arbeit muß deshalb abſchnittsweiſe, nach dem Geſetz der ſucceſſiven Klarheit erfolgen. Und weiter, damit eine genügend ſtarke Apperzeption zuſtande komme, muß ſich der Schüler in das einzelne mit Ausſchluß alles Fremdartigen vertiefen und es zu voller Klarheit erheben. Denn nur ſo können die ein⸗ zelnen Teile verſchmelzen und endlich in eine Einheit im Bewußtſein zuſammengebracht werden.
Das Dargebotene ſoll aber nicht bloß momentan verſtanden ſein, es muß vielmehr bleibend angeeignet werden. Mit der Darbietung muß ſich deshalb die Uebung verbinden, bis ſichere Einprägung erfolgt iſt. Damit iſt dann die 1. Hauptoperation des Lernprozeſſes, die Apperzeption, zum Ab⸗ ſchluß gebracht. Sie bietet aber gleichſam nur das Rohmaterial, welches zu den feineren Geiſtes⸗ produkten, zu Begriffen, Regeln, Geſetzen, Maximen, Grundſätzen, den Trägern unſeres Geiſteslebens, verarbeitet werden muß. Denn einzig durch die Weiterbildung unſerer elementaren Grundvorſtellungen bis zum wohlgeordneten begrifflichen Erkennen kann aus dieſen Intelligenz, Sittlichkeit und Religion hervorgehen.
Die gewonnenen Vorſtellungen und Vorſtellungsreihen ſind daher unter ſich und mit anderen älteren Gedanken im Bewußtſein zuſammenzuſtellen, zu vergleichen und zu verſchmelzen. Durch eine ſolche Verknüpfung kommt in den Gedankenkreis nicht nur Zuſammenhang und Einheit, ſondern auch die nötige Kräftigkeit, die aus dem Beſondern das Allgemeingültige hervortreibt. Dieſes verſtärkt ſich und hebt ſich ab von dem Zufälligen und Unweſentlichen, mit dem es verbunden war. Dieſe Verknüpfung beſorgt die 3. Stufe der Lernarbeit, die Aſſoziation.
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