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die Apperzeptiousſtufen des Kindes ſich ſtets ändern, indem ſie nämlich höhere werden, und daß alſo auch die dargebotene Unterrichtsmaterie dieſen Stufen entſprechen muß. Wenn nun Göthe recht hat, wenn er ſagt, daß jeder einzelne bei ſeiner Entwicklung im großen und ganzen die Prozeſſe wieder⸗ holt, welche die Menſchheit in der geiſtigen Entwicklung ihrer Völkerindividuen zu durchlaufen gehabt hat, ſo folgt daraus, daß die von den Völkern auf den verſchiedenen Entwicklungsſtufen hervorge⸗ brachten Ausprägungen ihres geiſtigen Lebens die geeignetſten Bildungsſtoffe für die entſprechenden Stufen der kindlichen Entwicklung ſind. Ziller nimmt nun 8 kulturhiſtoriſche Stufen an und will ſie den Zögling in beſchleunigter Weiſe durchleben laſſen, damit er ſchließlich zur Erfaſſung der Gegenwart und ſeiner Aufgabe in derſelben durchdringe. Aber bis heute ermangeln wir noch jeden Beweiſes, daß es 8 ſolcher Stufen giebt. Augenſcheinlich hat ſich Ziller zu der Annahme dieſer Anzahl durch den Umſtand verleiten laſſen, daß er jedem der 8 Schuljahre einen beſonderen, der betreffenden Apperzeptions⸗ ſtufe entſprechenden Kulturſtoff zugedacht hatte. Schon aus dem einen Grunde, daß ſich der Aus⸗ führung dieſer Idee bei einfachen Schulverhältniſſen unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenſtellen, müſſen wir ſie verwerfen. Notwendig iſt aber, daß wir ſolche Stoffe für den Geſinnungsunterricht answählen, die Niederſchläge und Verdichtungen der verſchiedenen Kulturſtufen der Menſchheit ſind, und daß wir dieſelben ſo anordnen, daß ſie der jeweiligen Apperzeptionsſtufe des Zöglings entſprechen.
Für den erſten Geſinnungsunterricht gehören zweifelsohne die Geiſtesprodukte, welche am Anfange der Kulturentwicklung eines Volkes liegen: Märchen und ſagenhafte Stoffe. Aus dem Traumleben erwacht, ſchreitet das Kind fort zur begrifflichen Auffaſſung der Außenwelt. Und aus
den engſten Grenzen, dem Familienleben, heraustretend, wächſt ſein Blick in die Ferne, und weiter
und immer weiter werden die Kreiſe(Heimat, Vaterland, Welt), in welche es eintritt, und überall zeigen ſich ihm drei Beziehungen des Menſchen: zum Menſchen, zur Natur und zu Gott. Damit es dieſe Beziehungen und Verhältniſſe richtig beurteilen lerne, werden ſie in die Beleuchtung des Chriſtentums gerückt und an der Höhe unſerer heutigen Kulturentwicklung(Weltanſchauung) gemeſſen. Letzteres aber beſorgen nicht zum geringſten Teile unſere Dichter. Sie haben alle Lebensverhältniſſe verklärt, und durch alle Lebenskreiſe bieten ſie ſich als Führer an.
Bei der Auswahl und Anordnung des Geſinnungsſtoffes ſind aber die drei Geſinnungsfächer in Rechnung zu ziehen. Ohne große Ueberlegung drängt ſich nun der Gedanke auf, daß es thöricht, wäre, zur Erreichung eines Zweckes nur ein Mittel vereinzelt anzuwenden, wenn drei ſich gegen⸗ ſeitig fördernde zu Gebote ſtehen. Und ſo iſt es hier, wo es ſich um die Geſinnungsbildung handelt. Die ſittlichen Ideen nämlich, die das Kind gewinnt, ſind nicht imſtande, ein ſittliches Wollen zu erzeugen, ſo lange ſie iſoliert bleiben oder als Elemente in ein loſes Agglomerat eintreten. Soll der Menſch zur ſittlichen Perſönlichkeit heranwachſen, ſo muß die beſſere Einſicht, welche er gewonnen hat, ſo ſtark nud vorherrſchend werden, daß ſie ſtändig in ſeinem Bewußtſein anklingt, und weiter müſſen ſich alle Willensregungen von ihr determinieren laſſen. Und wie nun durch die Vollkraft ſinnlicher Wahrnehmung unſer begriffliches Wiſſen das Leben und die Friſche erhält, die es zu einem Motor für unſer Denken macht, ſo treibt auch unſere ethiſche Einſicht um ſo eher zum Thun, je vollkräftiger ſie iſt. Und dieſe Stärke kann ſie nur aus dem Leben ſchöpfen. Sie iſt nämlich die Summe der ſelbſtangeſchauten, ſelbſtnachempfundenen und ſelbſterlebten Einzelfälle ſittlichen Handelns.„Die all⸗ gemeine Forderung z. B.: ‚Du ſollſt Deinen Nächſten lieben als Dich ſelbſt!“ bleibt vollſtändig
wirkungslos, wenn ſie nicht auf zahlreiche mannigfache Bilder(Der barmherzige Samariter—
Der Herr in ſeinen Heilsthaten— Der brave Mann[Bürger]— Johanna Sebus(Göthe] u. v. a. m.) geſtützt iſt. Es müſſen demnach die Bilder und Geſtalten, welche den göttlichen Funken im Menſchen immer mehr anfachen, die Freude am Sittlich⸗Schönen mehren, die angeborenen Triebe der Freundſchaft, der kindlichen Liebe, der treuen Pflichterfüllung ſtärken und Aug' und Herz offenhalten für die Schönheit der Schöpfung und die Größe des Schöpfers,— wie verbundene Kämpfer für eine gemeinſame gute Sache ſtehen und ihre Stimmen zu einem eindringlichen Rufe, zu einem mächtigen Geſamteindruck vereinigen.
Eine Konzentration ſämtlicher ethiſcher Fächer(Religion, Geſchichte, Deutſch) iſt deshalb unabweislich. Damit dieſe durchgeführt werden kann, muß ein dominierender Hauptſtoff aufgeſtellt werden, nach deſſen Direktiven die Stoffauswahl der(beiden) übrigen Geſinnungsfächer zu erfolgen hat. Nun ſoll der Abſchluß der Erziehung darin beſtehen, das Kind zur richtigen Erfaſſung der Gegen⸗
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