Aufsatz 
Der deutsche Lesestoff für Quinta
Entstehung
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großer Derbheit verdammen ſie in den meiſten Fällen, was dem deutſchen Geiſte nicht gefällt. Aber ein kräftiges deutſches Sprichwort wiegt ganze Centner hohler Phraſen auf, undeine ehrliche Derb⸗ heit ſteht dem Deutſchen gewiß beſſer an, als welſche Feinheit, hinter der nicht ſelten ſich die Ge⸗ meinheit verſteckt hält..

Aber wir ſind bei unſerer Auswahl nicht auf die Volksdichtung im eigentlichen Sinne des Wortes beſchränkt. Reichtum macht reicher. So iſt es auch in unſerer Litteratur. Viele Dichter haben aus dem Quell des Volksliedes getrunken; ſie haben, wie Göthe ſagt,an den Liedern aus den Kehlen der älteſten Mütterchen gelernt, wie ſie dichten mußten, und was ſie geſungen haben, iſt wieder zum Volkslied geworden. Männer, wie Uhland, Heine, Rückert, Arndt, Schentkendorff, Geibel, Eichendorff, Hoffmann von Fallersleben u. v. a. m., ſind längſt des Volkes Lieblinge, weil ſie ihre Weiſen dem Volke abgelauſcht haben.

Zuletzt, aber nicht als die geringſten, ſeien die Erzähler von Gottes Gnaden genannt. Was ſie ſind, ſind ſie durch des Volkes Geiſt. Sie haben verſtanden, dieſem an den Puls zu fühlen, und deshalb bieten ſie in ihren Gaben dem Volke, und alſo auch der Jugend, gerade das, was not thut. Zwar ſind ihre Erzählungen in ſchlichtes unſcheinbares Gewand gehüllt. Sie ſind gleichſam das Abbild des echten kernigen deutſchen Landmannes, deſſen Mund, nicht begabt mit prunkender Rede, in einfachen ſchlichten Worten tiefe Lebenswahrheiten ausſpricht, Wahrheiten, die überzeugender ſind als der Wortſchwall mancher langen Moralpredigten. Die koſtbaren Erzählungen des Rheiniſchen Hausfreundes, des Wandsbecker Boten, des Spinnſtubenſchreibers v. Horn, der Stöber, Ahlfelds, Auerbachs, v. Schuberts, Casparis u. a. m. müſſen deshalb unſerer Jugend als Vermächtnis ihrer Aelterväter mit auf den Lebensweg gegeben werden.

Damit der Geſinnungsunterricht ſein Ziel erreicht, muß er durch die Behandlung ſeiner Stoffe das geiſtige Leben des Zöglings in Bewegung ſetzen.Nun iſt aber alles Schaffen und Weben, alles Wachſen und Lernen, aller Wandel und Fortſchritt des Seelenlebens umfaßt und be⸗ dingt von der geiſtigen Macht, welche Herbart als das Intereſſe erkannt und viſſenſchaftlich ergründet hat; ohne die innige Bundesgenoſſenſchaft mit dieſer geiſtigen Großmacht kann darum auch das religiös⸗ſittliche Leben nicht zu der ihm gebührenden Machtfülle gelangen; ohne die innige Ver⸗ ſchmelzung mit dieſem innerſten Leben der Perſönlichkeit wird auch nie die Religion den ruhigen Platz in der Tiefe des Herzens einnehmen, der ihr gebührt.(Staude.)

Was iſt aber Intereſſe? Dieſer Begriff kann nur verſtanden werden durch einen andern Begriff, durch den der Apperzeption nämlich. Apperzeption aber iſt die Aneignung der neu in das Bewußtſein eintretenden Vorſtellungen. Mit dieſer Aſſimilierung des ſchwächeren Neuen durch das ſtärkere Alte iſt meiſt eine leiſe Umänderung des Neuen nach der Natur des Alten hin verbunden. Im Laufe der apperzeptionsreichen Seelengeſchichte findet aber auch eine allmähliche Umgeſtaltung und Vervolltommnung der ältern Vorſtellungsmaſſen ſtatt,die zuweilen auch als eine plötzliche, ja, gewaltſame Umgeſtaltung der alten Begriffe, Urteile, Anſichten und Ueberzeugungen durch neue Er⸗ fahrungen und Erkenntniſſe auftritt. Die Apperzeption übt alſo in allen Fällen eine mehr oder minder ſtarke Rückwirkung auf die apperzipierende Perſönlichkeit, auf das aneignende Ich, aus,und dieſer Anteil der Perſönlichkeit, das Dabeiſein des Ichs bei den Apperzeptionen ſeiner eigenen Vor⸗ ſtellungen iſt eben das Intereſſe. Nur bringt es in die objektive Vorſtellungsbewegung noch die ſubjektiven Zuſtände luſtbringender und bedürfniserweckender Gefühle, Wertſchätzungen und Begehrungen (reſp. Befriedigungen), ja, es iſt ſelbſt eine keimende Begehrung und hiermit die Wurzel alles Wollens.

Aller Unterricht alſo, der das Wollen bilden will, hat als nächſtes Ziel die Erzeugung des Intereſſes. Als Mittel dazu bieten ſich dar einmal die Berückſichtigung der Individualität des Zöglings und dann die Anleitung desſelben zum Selbſterwerb der wichtigſten und mächtigſten apper⸗ zipierenden Gebilde des Seelenlebens, der Begriffe. Die Anwendung dieſer beiden Mittel inkludiert aber zwei Forderungen: 1. richtige Auswahl und Anordnung des Unterrichtsſtoffes und 2. richtige Behandlung desſelben. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß der kindliche Geiſt nur durch ſolche Stoffe befruchtet werden kann, die ihm kongenial ſind. Weiter iſt begreiflich, daß