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Es kann aus der Aſche des Vaterlandes wieder aufleben, wenn ſeine heiligen Bücher gerettet werden.“ In alle Lebensverhältniſſe leuchtet unſere volkstümliche Litteratur hinein. Sie umfaßt mit gleicher Wärme das Leben des Einzelnen wie das der Geſamtheit, ſie führt uns in die Hütte des Armen, aber auch in des Königs Palaſt.
Zunächſt bieten ſich uns die Produkte dar, die der unmittelbarſte Ausdruck des Volkslebens ſind, die Volkspoeſieen im engeren Sinne des Wortes: Märchen, Sagen, Volkslieder und Sprich⸗ wörter.
In den Sagen hat das Volk ſeine ganze Seele niedergelegt. Wo es hiſtoriſche Perſonen in das Gewand der Sage gekleidet hat, da hat es uns ſeine wahrſte und innerſte Meinung über dieſelben mitgeteilt.„In der Sage erfahren wir, wen es geliebt und wen es gehaßt hat, wen es verſtoßen hat zu den unſeligen Geiſtern, und wen es erhoben hat zu ſeinen alten Göttern..... Und wo heilige Zeiten, chriſtliche und heidniſche Feſttage noch im Zauberlichte der Sage glänzen, da tritt uns entgegen die Treue, mit der das Volk an ſeinen liebgewonnenen Ueberlieferungen hängt, die Frömmigkeit, mit der es, fern von ſchönthuender, augenverdrehender Frömmelei, Weltliches und Geiſt⸗ liches zu vermählen weiß.“ Man vergleiche die Sagen der verſchiedenſten Gaue unſres Vaterlandes: immer wird man finden, daß ſie das Schlechte und die Böſen an den Pranger ſtellen und geißeln — oft in derb⸗komiſcher Weiſe—, der guten That aber Anerkennung zollen.„Die Volksſage iſt die Bewahrerin alles Herrlichen und Großen, was unter dem menſchlichen Geſchlechte vorgeht, und ſeines Sieges über das Schlechte und Unrechte, damit jeder Einzelne und ganze Völker ſich an dem unentwendbaren Schatze erfreuen, beraten, tröſten, ermutigen und ein Beiſpiel holen.“(Grimm.)
Das deutſche Volksmärchen iſt zwar nicht ein ureigenes Produkt unſeres Volksgeiſtes; es iſt vielmehr von fremden Beimengungen durchſetzt. Aber das Fremde hat den deutſchen Kern nicht zu erſticken vermocht, und ſo pulſiert auch in ihm etwas vom Herzblut unſerer Nation. Vor allem hat es ſich ſeine reine Keuſchheit bewahrt, die es vor ähnlichen Produkten der orientaliſchen(und romaniſchen) Poeſie ſo rühmlich auszeichnet. Und wie bringt es deutſche Treue und Redlichkeit und deutſchen Familienſinn zum Ausdruck! Wie waltet das unwandelbare deutſche Rechtsgefühl in ihm! Und manche Lehren des Chriſtentums klingen aus ihm heraus. Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut.— Ehre Vater und Mutter!— Nimm Dich des Notleidenden hilfreich an!— Vergiß des nicht, der Dir Gutes that!— Ehrlich währt am längſten.— Hochmut vergeht, Demut beſteht.— Es iſt nichts ſo fein geſponnen, es kommt doch endlich ans Licht der Sonnen! das ſind Texte, über die es in ſeiner Art zu uns predigt.
Am treueſten und wahrſten zeigt ſich des deutſchen Volkes Sinn und Denkungsart im Volkslied. Ulland ſchreibt in der Einleitung zu ſeinen Abhandlungen über dasſelbe:„Das Volk kann ohne Beiziehung ſeiner Poeſieen nur unvollſtändig erkannt werden.“ Für die Macht des deutſchen Volksliedes legt manches Blatt deutſcher Geſchichte Zeugnis ab. Es begleitete ſchon zu Tacitus Zeiten die Deutſchen zur Schlacht; es kämpfte in den Reihen der unterdrückten Bürger und Bauern gegen die Raubritter und ihre wüſten Geſellen; es führte den deutſchen Landsknecht zum Siege gegen den Franzmann; es war der getreueſte Gehilfe Luthers, einer der wichtigſten Förderer ſeiner Lehre; es begeiſterte die Armeen des großen Friedrich; es führte die Sieger der Freiheitskämpfe nach Paris; es bewährte auch in dem letzten Kampfe Deutſchlands gegen den Erbfeind ſeine zauber⸗ hafte Gewalt. Von beſonderem Werte ſind die hiſtoriſchen Volkslieder, deren Beſitz uns die treue Arbeit fleißiger Forſcher(Soltan, Hildebrand, Uhland, Körner, v. Ditfurth, v. Liliencron) ge⸗ ſichert hat. Sie ſind die unverfälſchten Nachrichten über das Denken und Fühlen unſeres Volkes bei den hiſtoriſchen Ereigniſſen, die an dasſelbe herantraten. An poetiſchem Wert(Wohllaut der Sprache u. ſ. w.) mag manches der hiſtoriſchen Volslieder hinter anderen Gedichten zurückbleiben, durch die Umittelbarkeit ihrer Wirkung auf das Gemüt aber übertreffen die beſten unter ihnen die meiſten unſerer geſchichtlichen Darſtellungen.
Wie das Volkslied des Volkes lyriſche, Sage und Märchen deſſen epiſche Schöpfungen ſind, ſo iſt das Sprichwort ſeine didaktiſche Dichtung. Und die Sprichwörter, ſo ganz ein Ausfluß von des Volkes Denken und Empfinden, prägen ſo manchen Zug des Volkscharakters deutlicher aus als die übrigen Ueberlieferungen. Zwar iſt von Feinheit nichts an ihnen zu bemerken, und mit


