Aufsatz 
Der deutsche Lesestoff für Quinta
Entstehung
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Der deutſche Lefeſtoff für Quinta.

Man pflegt die Lehrgegenſtände der Schule mit Ausnahme der rein techniſchen Fächer in zwei Gruppen zu ordnen: 1. in die ſprachlich⸗hiſtoriſchen, 2. in die mathematiſch⸗naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Fächer; die erſteren werden auch humaniſtiſche, die letzteren realiſtiſche genannt. Die Lehr⸗ objekte haben aber nicht gleichen Bildungswert. Die humaniſtiſchen Fächer(Religion, Geſchichte, Sprachen) nehmen mehr den ganzen Menſchen nach allen Seiten ſeines Weſens in Anſpruch, ſie ſtehen alſo in einer mehr direkten Beziehung zu dem letzten Ziele der Erziehung und des Unter⸗ richts, der Bildung eines ſittlich⸗religiöſen Charakters, und ihnen gebührt deshalb folgerichtig eine Präponderanz in der Erziehungsſchule. Ziller hat ſie und nicht mit Unrecht Geſinnungs⸗ fächer genannt.

Ohne Zweifel hat die Geſchichte(heilige und profane) die größte Bedeutung für die Ge⸗ ſinnungsbildung, aber ſie wird aufs nachdräcklichſte unterſtützt durch die Schätze unſerer Litteratur. Alle Völker, die ein klar erkanntes Kulturideal haben, entbinden in ihrem Streben nach der Verwirk⸗ lichung desſelben tauſend Kräfte zum Schaffen und Wirken, und aus der Geiſtesarbeit der Geſamt⸗ heit kriſtalliſiert gleicſam das Beſte und Edelſte in dem Schriftſchatze der Nation aus und wird zur Norm und zum Sauerteig für die Geſamtheit. Und deshalb hat auch die Jugend einen Anſpruch darauf, genährt zu werden mit dieſem geheiligten koſtbarſten Gut ihrer Nation. Wie der Körper in der heimatlichen Luft, ſo muß der nationale Charakter, Geiſt, Gemüt und Wille in der Atmoſphäre der Mutterſprache und ihrer Schriftſchätze wie in ſeiner eigenſten Lebensluft wachſen und erſtarken.

Und das deutſche Volk iſt vor ſo manchem andern in der bevorzugten Lage, für die Ge⸗.

ſinnungsbildung auch in Rückſicht auf ſeine Litteraturſchätze aus dem vollen ſchöpfen zu können. Unſer deutſches Volk hat, wie kein anderes der Erde, mit ganzer Hingebung und warmer Innigkeit den Geiſt des Chriſtentums in ſich aufgenommen und ſeinem eigenſten Sein aſſimiliert, ohne bei dieſer Fuſion ſeine Eigenart einzubüßen.Die älteſten und echteſten Züge ſeines Charakters: die Tapferkeit und die Treue, die Freigebigkeit und die Dankbarkeit, die Keuſchheit und die Familienliebe, ſie blieben dabei nicht allein ungeſchmälert und ungebrochen, ſie wuchſen vielmehr kräftiger und herr⸗ licher heran. Aber noch mehr. Das deutſche Volk hat niemals in einſeitiger Abgeſchloſſenheit ſich gefallen können, vielmehr ſich fremden Elementen geöffnet, ſich ihnen liebend hingegeben, um ſie wiederum liebend zu durchdringen; es hat oft an einer fremden ſtärkeren Volksperſönlichkeit, an einem höhern kräftigern Geiſte ſich auferbaut, erfriſcht, verjüngt und die verlöſchende Flamme des eigenen Nationallebens durch einen von außen zugeführten Brennſtoff zu erneuter Glut angefacht.Fähig, alle eignen Anſprüche an das Objekt fahren zu laſſen und ſich ganz in dasſelbe zu verſenken, iſt es durch dieſe erſte und größte Dichterfähigkeit das eigentliche Dichtervolk unter den Nationen der Erde.

Und aus dieſem Grunde müſſen unſere Dichterwerke, die einem geſteigerten und geläuterten Gemütsleben entſprungen ſind, in ganz beſonders hohem Grade zu Bildungsfermenten geeignet ſein; denn nur das Homogene nährt, und Leben kann nur von Leben, Geiſt nur von Geiſt erzeugt werden.

Natürlich können in der Erziehungsſchule, und beſonders auf der Unter⸗ und Mittelſtufe, in erſter Linie nur die Erzeugniſſe unſerer volkstümlichen Litteratur(Sagen, Märchen, Sprichwörter, Volkslied, volkstümliches Lied und Erzählungen) in Anſchlag kommen, da unſere Klaſſiter auf einer Höhe ſtehen, welcher die Jugend erſt entgegenwachſen muß. Aber dabei kommt dieſe durchaus

nicht zu kurz; denn in dem, was man vorzugsweiſe volkstümliche Litteratur nennt, ſind die wert⸗

vollſten Barren geiſtigen Goldes ausgeprägt. Und Jahn hatte ganz recht, als er ſchrieb:Ein Volk, das ein wahres volkstümliches Bücherweſen beſitzt, iſt Herr von einem unermeßlichen Schatze.