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doch die Kraft ab, die das Erkennen der Geschwister bei Euripides habe. Denn bei Goethe erkenne Orest die Schwester und erkenne sie auch nicht. Dies sei ein Beispiel dafür, daß der alte Dichter, der den Stoff mit der größten Einfachheit und der Natur entsprechend ent- worfen hat, dem späteren überlegen sei, der, da das einfache und natürliche ihm weggenommen war, gezwungen wurde, weniger wahrscheinlich zu erdichten.
Es ist schwer zu verstehen, wie ein so großer Geist, wie Hermann, so verkehrt urteilen konnte. Daß Orest, als er den Muttermord geschildert, wieder von den Furien er- faßt wird, ist ganz natürlich, ebenso, daß Iphigenie nun sagt:„Unseliger, du bist in gleichem Pall“. So hatte es ihr ja Pylades gesagt, und Orest, der unbedingtes Zutrauen zu Iphigenien gefaßt hat, erzählt ihr jetzt die ganze Wahrheit, er sei Orest und sehne sich nach dem Tode. Daß dann Iphigenie den Göttern dankt, weil sie sie in Weisheit und Güte geführt, indem sie ihr erspart, die Greuel ihres Hauses zu sehen und ihr jetzt ein ungeahntes Glück be- schieden haben, ist doch psychologisch richtig motiviert und menschlich sehr natürlich. Daß sie sich ihm dann zu erkennen gibt, ist psychologisch leicht verständlich, denn sie gibt sich der berechtigten Hoffnung hin, Orest werde, wenn er erfährt, daß er hier die Schwester finde, von seinem Wahnsinne ablassen und in diesem ungeahnten Glücke der Götter weise und gnädige Fügung erkennen und gesunden. Daß er dann infolge der Wucht des eben Erlebten in Ermattung sinkt, daß er bald in Iphigenie die Priesterin sieht, die bestimmt ist, ihn zu opfern, bald die Schwester, von deren Berührung er sich geheilt fühlt, ist doch ein Triumph der Kunst, und nicht, wie Hermann meint, unwahrscheinlich.—
Von den beiden folgenden Szenen, den beiden letzten des dritten Aktes, sagt Hermann, wenn sie auch wegen der Sprache und Gedanken bewunderungswürdig seien, wären sie doch für die fernere Handlung nicht wichtig, aber notwendig wegen des Vorhergegangenen. Denn in der ersten der beiden erwacht Orest aus seiner Betäubung und glaubt in der Unterwelt zu sein, in der zweiten ist er von den Furien befreit und erkennt die Schwester nicht, spricht aber von ihr wie von einer Erkannten.
Hermann ist auf den inneren Gehalt dieser Szenen nicht eingegangen. Sie sind für die Heilung des Orest von der größten Wichtigkeit. Orest sieht in der Unterwelt, wo er zu sein glaubt, seine Ahnen. Sie gehen friedlich nebeneinander. Hier ist keine Feindschaft unter ihnen. Sie sind hier alle der Feindschaft los. Vater und Mutter gehen hier Hand in Hand. So darf auch er zu ihnen treten und seiner Mutter Hand fassen. Auf Erden war „der Gruß des Mordes gewisse Losung“, aber hier ist Friede und Eintracht. Als er dann erwacht und in Wirklichkeit seine Schwester vor sich stehen sieht, die ihm„wie eine Himmlische“ begegnet ist und sein Freund Pylades mit männlich festen Worten seinen Geist zur klaren Erfassung des Geschehenen zurückruft, da geht der von Pylades und Iphigenie in seine Seele gestreute Samen auf. In heller Freude und„mit freiem Herzen“ erkennt er seine Schwester und seinen Freund.„Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz.“ Seine Heilung ist vollendet. Es treibt ihn„Nach Lebensfreud' und großer Tat zu jagen“.—
Im vierten Akt ist Iphigenie geängstigt wegen des Geschicks des Wiedergefundenen und wegen der Lüge, die ihr Pylades in den Mund gelegt hat. Ein antiker Dichter, meint Hermann, hätte dies geschickter gemacht. Dieser hätte dafür gesorgt, daß die Zuschauer wissen, um was für eine Lüge es sich handelt. Erst in der Szene mit Arkas erfahren wir, daß es sich um die Reinigung des Bildes handelt.


