Aufsatz 
Goethes Beziehungen zu Gottfried Hermann
Entstehung
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Stocken der Rede Iphigeniens gesagt haben. Warum aber das kurzeLebt wohl! nicht kunstgemäß sein soll, ist nicht zu verstehen. Daß Thoas Iphigenien nur ungern scheiden läßt, ist zuzugeben. Seine kurzen Reden sind aber sehr vielsagend und malen ausgezeichnet, wie es in seinem Innern aussah. Man muß auch die herzgewinnenden Worte berücksichtigen, die Iphigenie vorher zu ihm spricht, Worte innigster Dankbarkeit und Hingebung. Sie sagt dann zweimal zu ihmLeb' wohl! und fordert ihn auf, ihr zum Pfande der Freundschaft seine Rechte zu reichen. Es ist doch anzunehmen, daß er dies tut und daß während der letzten Worte Iphigeniens der König sich freundlich zu ihr wendet, freudig in die dargereichte Rechte einschlägt und nun im freundlichsten Tone nicht nur ihr, sondern auch ihrem Bruder und seinem Freunde die Hand reicht und die Worte sprichtLebt wohl!

Goethes Iphigenie auf Tauris ist oft mit der Euripideischen verglichen worden, selten wohl von einem so großen Gelehrten wie Hermann. Daß dieser neben dem begeisterten Lobe, das er dem deutschen Kunstwerke spendet, auch so scharfen Tadel ausspricht, ist wohl daraus zu erklären, daß er Goethes Stück mit dem Maßstabe der griechischen Tragödie mitßt- und als ausgezeichneter Kenner der griechischen Tragiker eine unzerstörbare Vorliebe für das gleichnamige Euripideische Drama hatte. Hermanns Einwände sind geistreich und ver- dienen alle Beachtung. Sie sind aber doch, wie wir gezeigt zu haben glauben, sämtlich leicht zu widerlegen.

Abgesehen von diesen Meinungsverschiedenheiten war G. Hermann ein unbedingter Bewunderer der Goethischen Dichtungen und er gehört vor allen zu den Männern, die Goethes Muse nach mehr wie einer Seite hin beeinflußt haben. Der Dank des deutschen Volkes gebührt dem großen Philologen, der die Errungenschaften seiner Wissenschaft dem gestalten- den Genie unseres großen Dichters nahe brachte und ihn veranlaßte, durch seine Nach- dichtungen die Mitwelt auf die Schönheit der griechischen Literatur aufmerksam zu machen.

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