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Auch hier verkennt Hermann die Schönheit der Goethischen Dichtung. Wenn wir auch nicht gleich wissen, um was für eine Lüge es sich handelt, so ahnen wir es doch und werden in echt dramatischer Weise in Spannung gehalten. Nur wenige Minuten wird uns das Geheimnis vorenthalten, außerdem bringt Goethe durch dieses Schwanken Iphigeniens, indem sie bald in die Lüge willigt, bald Gewissensbisse darüber empfindet, seine Heldin unsrem Herzen näher, was ein überaus feiner dramatischer Zug ist.
Sonst hat der vierte Akt Hermanns Beifall, und besonders der Schluß, wo sich Iphi- genie an das Lied der Parzen erinnert, das diese bei Tantals Fall singen, nennt er vortrefflich.—
Hermann behauptet dann, die zwei ersten Szenen des fünften Aktes seien unnötig. Es sind zwei kleine Szenen, in deren erster Arkas dem Könige seinen Verdacht ausspricht, die Priesterin stehe im Bunde mit den Fremden, während in der zweiten, einem kurzen Selbstgespräche, der König sich Vorwürfe macht, daß er durch seine Nachsicht in Iphigenie den Gedanken groß gezogen hat, daß sie sich jetzt ein eigenes Schicksal aussucht. Diese Szenen sind nicht unnötig, sondern machen uns mit der Gesinnung des Königs bekannt und bereiten vorzüglich die dritte Szene, das Gespräch zwischen Iphigenie und Thoas, vor, die Hermann ausgezeichnet findet. Aber das sei weder griechischer Brauch noch nach den Ge- setzen der Kunst, daß Iphigenie auf die Frage des Königs, wer die Fremdlinge seien, zögernd antwortet:„Sie sind— sie scheinen— für Griechen halt' ich sie.“ Das sei zwar natürlich, aber der Dichter dürfe nicht alles nachahmen, er müsse niedriges und gemeines— und das Stocken der Stimme, das Zurücknehmen und Sichverbessern sei niedrig— in eine feinere und würdigere Form bringen.
Wir sind erstaunt, diese Einwürfe zu lesen. Ob das Getadelte griechischer Brauch ist oder nicht, darauf kommt es hier nicht an, denn Goethe schrieb sein Stück nicht für Griechen. Daß ein derartiges Zögern und Zaudern aber gegen die Gesetze der Kunst sein soll, wie Hermann behauptet, können wir nicht zugeben. Hermann sagt selbst, dies wäre natürlich. Und das ist es durchaus. Es ist natürlich und menschlich zugleich, daß Iphigenie Bedenken trägt, das dem Könige zu gestehen, wodurch sie das Leben ihres Bruders aufs Spiel setzt.
Auch der Schluß des ganzen Stücks hat nicht Hermanns Beifall. Als Iphigenie den König bittet, sie in die Heimat ziehen zu lassen, sage er:„So geht!“ und als Iphigenie ihn bittet, sie nicht grollend, sondern freundlich zu entlassen, sage der König:„Lebt wohl!“ Obwohl diese Szene voller Leben und durch Sprache und Gedanken ganz ausgezeichnet sei, beleidige dieses letzte„Lebt wohl!“ doch den Hörer, da es weder dem Brauche der griechischen Tragödie entspreche, noch überhaupt kunstgemäß sei. Der Schluß einer Dichtung, besonders eines Trauerspiels, müsse derart sein, daß mit Beilegung der Aufregung das Gemüt ausruhe, und nicht gewaltsam verschwiegen werde, was der Dichter aussprechen müsse, sonst hinter- lasse er sein Stück unvollendet. Ein griechischer Dichter hätte nicht mit jenem mit Mühe herausgepreßten„Lebt wohl!“ geschlossen, sondern den König, wie es einem edlen Manne gezieme, sagen lassen,„er entlasse Iphigenien, wenn auch ungern, doch gebe er dem Geschicke und dem Willen der Götter nach und wünsche, daß sie mit ihrem wiedergefundenen Bruder glücklich in die Heimat zurückkehren möge.“
Wir bedauern, auch hierin Hermann nicht recht geben zu können. Was den griechi- schen Brauch anlangt, so gilt auch hier, was wir oben bei dem von Hermann getadelten


